Im Februar 2024 kam es zu einer Krise im britischen Parlament. Pro-palästinensische Gruppierungen drohten Labour-Abgeordneten und ihren Familien mit Gewalt, falls diese gegen eine einseitige Aufforderung an Israel zu einem Waffenstillstand stimmen würden. Dieser Antrag war durch die Scottish National Party (SNP) in das Unterhaus eingebracht worden. Der Speaker des Hauses, Lindsay Hoyle, ließ entgegen der parlamentarischen Tradition einen eigenen Vorschlag der Labour-Opposition zu, da dieser unter diesen Bedingungen nicht zugemutet werden könne, sich zwischen dem Antrag der SNP und dem Gegenentwurf der Torys zu entscheiden. Denn im Zug der Debatte über den Gaza-Krieg sah der Speaker die Demokratie in Gefahr.
Länger andauernde Mobilisierung
Diese Begebenheiten waren, neben den Morden an zwei israelischen Botschaftsmitarbeitern in Washington 2025, der Höhepunkt einer länger andauernden Mobilisierung. Seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 kam es – noch bevor die israelischen Gegenoffensiven begonnen hatten – zu Massendemonstrationen in London und weiteren Hauptstädten Europas. Diese antiisraelischen Veranstaltungen zählten zu den umfangreichsten Protesten der Nachkriegszeit; in London gingen Woche für Woche teilweise über 100.000 Teilnehmer auf die Straße. Begleitet wurde diese Mobilisierung in den folgenden Jahren durch eine international vernetzte Studentenbewegung (öffnet in neuem Tab). Diese verlangte einen Boykott israelischer Universitäten, attackierte öffentlich „zionistische“ Wissenschaftler (u. a. an der Universität Frankfurt) und verletzte jüdische Studierende schwer – so geschehen an der Freien Universität Berlin.
Entgegen der öffentlichen Aufmerksamkeit war die Eskalation des Konflikts zwischen der Hamas und Israel, rein quantitativ, eine nachrangige Krise innerhalb der Ausbrüche von Gewalt, welche die Welt im frühen 21. Jahrhundert erschütterten. Weder die Massaker des syrischen Diktators Baschar al-Assad an der sunnitischen Bevölkerung seines Landes, noch der Bürgerkrieg im Sudan, noch die Masseninternierung muslimischer Uiguren in China lösten weltweite Proteste aus – obwohl allein die Opferzahlen des Syrischen Bürgerkrieges die des gesamten Nahostkonflikts seit 1948 übersteigen. (öffnet in neuem Tab)
Eine neue Form des Antisemitismus
Dieses Ausbleiben internationaler Empörung gegenüber anderen Konflikten macht einen zentralen Aspekt von israelbezogenem Antisemitismus (öffnet in neuem Tab) greifbar: den Doppelstandard. Gemeinsam mit der Dämonisierung und Delegitimierung Israels bildet er die sogenannte 3-D-Triade (öffnet in neuem Tab), anhand derer sich israelbezogener Antisemitismus von legitimer Kritik israelischer Politik unterscheiden lässt.
Durch ihre neuartigen Begründungsmuster lässt sich diese Form der Judenfeindschaft nicht mehr anhand klassischer antisemitischer Topoi identifizieren. Im Gegensatz zum älteren Antisemitismus, der von der fehlenden Fähigkeit der Juden und Jüdinnen zur Staatenbildung ausging, bildet für den neuen Antisemitismus seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Existenz des jüdischen Nationalstaates Israel das zentrale Problem. Dieser israelbezogene Antisemitismus formierte sich als radikaler Antizionismus, in welchem sich laut Wolfgang Kraushaar „der Antisemitismus wie das Gewitter in der Wolke“ verbarg.
Auf den Protestmärschen in den Straßen Europas und in aktivistischen Kreisen begegnet man nur noch selten der alten „jüdischen Weltverschwörung“. Stattdessen finden sich zur Kaschierung antisemitischer Denkmuster Kategorien, die jedem bekannt sein sollten, der in den letzten Jahrzehnten ein Seminar zur Geschichte des Kolonialismus an einer westlichen Universität besucht hat. So konnte man auf den Demonstrationen hören, Israel sei ein „settler colonial regime“, welches „dekolonisiert“ werden müsse, wie antiisraelische Aktivisten an der Humboldt-Universität Berlin verlauten ließen. Das ideologisierte Deutungsmuster der Dekolonisierung dient als übergreifende Begründung für die systematische Ausgrenzung jüdischer Wissenschaftler und Studierender, als Motivlage für die zwischen 2023 und 2025 um 240 Prozent gestiegenen antisemitischen Vorfälle an den deutschen Universitäten sowie als Legitimation für die europaweiten Sabotageakte der Aktivistengruppe Palestine Action und der BDS-Kampagne
Schwerpunkt "Immer noch. Antisemitismus in Deutschland"
Immer noch gibt es Antisemitismus in Deutschland und darüber hinaus. Was bedeutet das für eine liberale Demokratie, die auf Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde gründet? Wie erleben Jüdinnen und Juden Antisemitismus heute, und was lässt sich dagegen tun?
Die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus und das Haus der Geschichte Baden-Württemberg gehen diesen Fragen 2026 in Vorträgen, Workshops und Ausstellungen nach.
Schwerpunkt "Immer noch. Antisemitismus in Deutschland"
Immer noch gibt es Antisemitismus in Deutschland und darüber hinaus. Was bedeutet das für eine liberale Demokratie, die auf Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde gründet? Wie erleben Jüdinnen und Juden Antisemitismus heute, und was lässt sich dagegen tun?
Die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus und das Haus der Geschichte Baden-Württemberg gehen diesen Fragen 2026 in Vorträgen, Workshops und Ausstellungen nach.
Der Postkolonialismus – eine antiwestliche Denkströmung
Diese antiwestlichen, antiimperialen und antirassistischen Deutungsmuster zur Delegitimierung Israels stammen aus einer ideellen Strömung, die an westlichen Universitäten großen Einfluss gewonnen hat – dem Postkolonialismus. Die Verbindung zwischen Postkolonialismus, israelbezogenem Antisemitismus und Aufrufen zur Gewalt im Namen der „Dekolonisierung“ brachte Philipp Bovermann in der Süddeutschen Zeitung dazu, die rhetorische Frage zu stellen, wo der Postkolonialismus falsch abgebogen sei (öffnet in neuem Tab). Die zuspitzende Antwort dieses Essays ist – nirgendwo. Die intellektuellen Vordenker des Postkolonialismus entwickelten seit den 1970er Jahren mithilfe eines abstrakten Kolonialismusbegriffs eine Perspektive auf den Nahostkonflikt, die in der Folge einen neuartigen radikalen Antizionismus theoretisch fundierte. Das gegenwärtige Stadium des Postkolonialismus ist demnach eine logische Weiterentwicklung seiner intellektuellen Prämissen.
Der häufig vorgebrachte Einwand, dass es die postkoloniale Theorie nicht gebe, übersieht die zentralen Deutungsmuster, die in den Veröffentlichungen der Postcolonial Studies häufig vorausgesetzt und nicht mehr hergeleitet werden. Der Postkolonialismus bildet eine Strömung des angewandten Postmodernismus, der seit den späten 1970er Jahren immer mehr Einfluss in den Literatur-, Geschichts- und Regionalwissenschaften ausübte. Konzepte wie der „Diskurs“ nach Michel Foucault, das „Othering“ nach Jacques Lacan und das „Hegemonie“-Konzept nach Antonio Gramsci beruhen auf einer gemeinsamen Prämisse – der Reduktion von Wissen auf Macht, wie der Philosoph Ingo Elbe argumentiert. Diese Deutungsmuster bildeten auch die ideelle Grundlage von Edward Saids 1978 erschienenem Buch „Orientalismus“, einem der frühesten und einflussreichsten Werke des Postkolonialismus.
Darin entwickelte der Literaturwissenschaftler Edward Said ein Verständnis des „Westens“ als hegemonialen Diskurs: Die imperialen Mächte hätten mithilfe ihrer Universitäten ein „orientalistisches“ Wissen über die kolonisierten „Anderen“ hervorgebracht – ein Wissen, das die bestehenden, ungleichen Machtverhältnisse zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten rechtfertige. Der Fokus auf Israel als Objekt der postkolonialen Kritik war von Anfang an zentral, wie Gayatri Chakravorty Spivak, eine weitere Vordenkerin des Postkolonialismus, über den intellektuellen Austausch mit Said zu berichten weiß. So reduziert Said den Nahostkonflikt entgegen den historischen Befunden auf eine Auseinandersetzung zwischen vermeintlich „indigenen“ Palästinensern und dem durch den „westlichen Imperialismus“ unterstützten „zionistischen Siedlerkolonialismus“. Said setzte die israelische Besatzungspolitik mit derjenigen NS-Deutschlands gleich, indem er Palästinenser in seinem Essay Low point of powerlessness (2002) (öffnet in neuem Tab) als „genauso machtlos wie die Juden 1940“ gegenüber der israelischen „kriminellen Armee“ einordnete.
Doch überließ er die daraus folgenden politischen Schlussfolgerungen der nächsten Generation postkolonialer Intellektueller. So fordert unter anderem Mahmood Mamdani (öffnet in neuem Tab), der Vater des jetzigen New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani und Professor an der Columbia University, die „Demontage“ Israels. Der Soziologe Ramón Grosfoguel, ein führender Vertreter der mit dem Postkolonialismus verwandten dekolonialen Theorie, geht noch einen Schritt weiter und hebt den Nahostkonflikt in seinem Essay Gaza: The Warsaw Ghetto of the 21st Century (2024) (öffnet in neuem Tab) in die metaphysischen Sphären des Erlösungsantisemitismus. In Gaza stünden sich die Kräfte des gemeinschaftlich orientierten „Anti-Imperialismus“ (die „Achse des Widerstands“ von Hamas bis Iran) und der egozentrisch-subjektivistischen „Zivilisation des Todes“ (Vereinigte Staaten, Europa, Israel) gegenüber. Während ein Sieg der Letzteren die „Vernichtung des Lebens auf der Erde“ einleiten würde, würde ein Erfolg der Ersteren die Menschheit auf eine neue „Bewusstseinsstufe“ heben, so Grosfoguel.
Hierbei handelt es sich um radikale Beispiele eines generellen antiwestlichen Trends. Eine Relativierung der Shoah, Antizionismus und die De-Thematisierung des Antisemitismus bei politischen Gruppierungen des „Anderen“ wie der Hamas finden sich im Mainstream der postkolonialen Denkwelt – von Dipesh Chakrabarty, Judith Butler, Michael Rothberg, Dirk Moses und Achille Mbembe bis Patrick Wolfe.
Postkolonialismus in der Kritik
Das postkoloniale Narrativ war nie unumstritten. Kritiker wie Robert Irwin, Frederick Cooper und Ingo Elbe erkannten, dass der Postkolonialismus im Kern auf einer kulturrelativistischen und inkohärenten konstruktivistischen Erkenntnistheorie beruht. Denn dieser Ansatz stößt an eine innere Grenze: Wenn Erkenntnisse über politische Strukturen und Ethnien nie universell gültig wären, sondern stets nur aus einer bestimmten kulturellen Perspektive heraus entstünden, dann träfe das auch den Postkolonialismus selbst. Dessen zentrale These, dass der westlichen Wissenschaft eine koloniale Weltsicht zugrunde liege, könnte dann keine objektive Aussage mehr sein, sondern wäre lediglich eine weitere perspektivgebundene Deutung unter vielen.
Dass sich der Postkolonialismus zu einer einflussreichen Theorie entwickeln konnte, liegt darin begründet, dass er sich in einer günstigen historischen Konstellation entfaltete. Nach dem von Jean-François Lyotard ausgerufenen Ende der universellen „großen Erzählungen“ begannen sich seit den 1970er Jahren konstruktivistische Ansätze sowie der Fokus auf bisher vernachlässigte Gruppen in den Geisteswissenschaften zu etablieren. Dadurch gelang es, so schlussfolgert der ägyptisch-amerikanische Intellektuelle Hussein Aboubakr Mansour, postkolonialen Denkern, sich in die Tradition der Kritischen Theorie einzuschreiben. In diesem Umfeld war es Said möglich, sich im Jahr 2000 als „letzten jüdischen Intellektuellen“ zu bezeichnen. Wie die Denker der Frankfurter Schule vor 1945 verkörpere er nun als Nachfahre heimatloser Palästinenser eine fluide und ortlose Lebensweise, während zeitgenössische jüdische Intellektuelle wie Amos Oz zu „Vorstadt-Gutsbesitzern“ im Dienst des Zionismus geworden seien.
Dabei handelt es sich um eine Interpretation, die inzwischen in Mode gekommen ist: so sieht sich auch der postkoloniale Historiker Pankaj Mishra in seinem Buch The World After Gaza (2025), in welchem er die israelische Kriegsführung mit dem Holocaust gleichsetzt, als wahren Nachfolger jüdischer Intellektueller wie Hannah Arendt und Primo Levi. Mishras krude Vermischung von Kolonial- und NS-Geschichte führte indes in einem Vortrag in Berlin-Neukölln nicht etwa zu öffentlicher Kritik, sondern zu überschwänglicher Zustimmung unter den Zuschauern, die aufgrund ihrer großen Anzahl auf mehrere Säle verteilt werden mussten.
Die aktivistischen Elemente des Postkolonialismus
Der Postkolonialismus verfügt, wie der Historiker Andreas Wirsching argumentiert, über eine wissenschaftliche und eine aktivistische Wurzel. Die Wechselwirkungen zwischen den ideologischen Strömungen der Zwischenkriegszeit, antisemitischen Mobilisierungen im Nahen Osten, antikolonialen Bewegungen, der Etablierung der Neuen Linken sowie der postkolonialen akademischen Strömung sind bislang noch weniger erforscht als seine wissenschaftliche Verbreitung.
So wurde die heute in den Postcolonial Studies weit verbreitete Idee Israels als einer Siedlerkolonie erstmals durch den syrischen Intellektuellen Fayez Sayegh geprägt. Dieser promovierte 1949 an der Georgetown University in Washington DC und wirkte 1975 an einer UN-Resolution 3379 mit, in der Zionismus mit Rassismus gleichgesetzt wurde. Bevor Sayegh seine akademische Karriere in den Vereinigten Staaten begann, zeigte er sich seit 1938 für die Propagandaerzeugnisse der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP) verantwortlich. Die SSNP übernahm die rassistischen Hierarchien, völkischen Mythen und Geschichtsbilder direkt aus dem deutschen Nationalsozialismus – und damit auch das Feindbild der Juden. Nach parteiinternen Streitigkeiten verließ Sayegh Syrien in Richtung USA.
Dort entwickelte er sich zu einem linksgerichteten Unterstützer des arabischen Nationalismus. In seiner 1965 erschienenen Schrift „Zionistischer Kolonialismus in Palästina“ setzte er den Kampf der Palästinenser gegen Israel mit dem Algerienkonflikt und dem Vietnamkrieg gleich, die er als Auseinandersetzungen mit dem „westlichen Imperialismus“ deutete. Sayeghs Theorien waren Bestandteil eines im Umfeld der Dekolonisation in den 1960er Jahren entstehenden Dritte-Welt-Aktivismus, der sich gegen die Ordnung des Kalten Krieges wandte und sowohl für die Neue Linke als auch die Neue Rechte anschlussfähig war. In ihm flossen antikapitalistische, antikoloniale und antiwestliche Elemente mit antisemitisch grundiertem Antizionismus von Beginn an ineinander.
Auch die häufig mit den Namen W. E. B. Du Bois, Hannah Arendt und Aimé Césaire verknüpfte postkoloniale Verbindung von Holocaust und Kolonialismus findet sich bereits seit Längerem als politisches Argument. Wie Stephan Malinowski beschreibt, verteidigte zeitgleich zum deutschen Historikerstreit im Sommer 1987 ein „in allen Farben des menschlichen Regenbogens“ leuchtendes Team aus einem algerischen, bolivianischen und kongolesischen Juristen den SS-Offizier Klaus Barbie vor einem französischen Gericht. Ihre Verteidigungsstrategie richtete sich dabei weniger an die Justiz als an die Weltöffentlichkeit: im Vergleich zu den andauernden Verbrechen des Kolonialismus seien die Taten Barbies im Holocaust als Verbrechen der Vergangenheit nachrangig. Finanziert wurden diese Anwälte durch den Schweizer Nationalsozialisten François Genoud, einem Anhänger des antisemitischen Großmuftis von Jerusalem und ehemaligem Kassenwart der algerischen Front de Libération Nationale (FLN). Nach der Machtübernahme der FLN 1962 mussten hunderttausende Juden aus dem dekolonisierten Algerien fliehen.
Gazology - ein postkoloniales Mobilisierungsnarrativ
Der radikale Antizionismus und die Holocaust-Relativierung der postkolonialen Tradition sind mittlerweile feste Bestandteile der politischen Mobilisierung postmarxistischer linksextremer Organisationen und Parteien. In diesen Entwicklungen zeigt sich ein altes Strukturmerkmal des Antisemitismus: Die Positionierung der Juden als das „Andere“ der jeweils herrschenden Ideologie. Einstmals als fluide ortlose Bedrohung homogener Kollektive – Völker, Klassen oder religiöser Gemeinschaften – gedacht, wurden sie mithilfe postkolonialer Ideologie zum anachronistischen Gegenbild des Nationalen in einer fluiden Welt der Postmoderne stilisiert.
Shulamit Volkovs Theorie des „kulturellen Codes“ hilft zu verstehen, dass der postkolonial grundierte Antizionismus ein verbindendes Gedankengebilde darstellt, durch welches disparate politische Ideen wie antiwestliche Imperialismus- und Staatskritik, Feminismus und Klimapolitik über das Thema der Israelfeindschaft in ein politisches Mobilisierungsnarrativ integriert werden konnten. Dies zeigt sich in den publizistischen Veröffentlichungen zum Nahostkonflikt in der linksintellektuellen Szene, die infolge des 7. Oktobers stark angewachsen sind.
Bücher wie One Day, Everyone Will Have Always Been Against This (Omar El Akkad), The Destruction of Palestine is the Destruction of the Earth (Andreas Malm)und Gaza devant l'histoire (Enzo Traverso) brachten den israelischen Journalisten Mati Friedman dazu, diese Texte als literarische Gattung der „Gazology“ zusammenzufassen. In diesen Veröffentlichungen kann man wenig über die militärische und humanitär prekäre Situation in Gaza lesen. Stattdessen wird dort das angebliche westliche Menschheitsverbrechen in Gaza mit der Eroberung Lateinamerikas durch die europäischen Konquistadoren und mit dem Holocaust gleichgesetzt (El Akkad), von einer Verwandlung der Juden in Nationalsozialisten gesprochen (Traverso) und die These vertreten, Zionismus und fossile Brennstoffe seien verbundene Übel der überkommenen Industriemoderne (Malm). Insbesondere El Akkad gibt einen Einblick in persönliche Befindlichkeiten: Der Autor beschwert sich über das „amoralische“ israelische Investment in den mit 100.000 Dollar dotierten Giller-Literaturpreis, den er erhalten hat (ohne ihn zurückzugeben).
Die große Zukunft des globalen Antisemitismus
Diese Beispiele zeigen die ideelle Fundierung der zeitgenössischen Judenfeindschaft durch postkoloniale Deutungsmuster auf und sollten Besorgnis erregen. Doch keine wissenschaftliche Erkenntnis wird der Mobilisierungskraft dieses Weltbildes Abbruch tun. Denn die postkoloniale Erzählung hat sich in den letzten Jahren zum Kern eines politischen Narrativs entwickelt, welches aktivistische Wissenschaftler, autoritäre Regierungen des „Globalen Südens“ und eine neue Studentenbewegung in ihrer Auseinandersetzung mit dem eingebildeten Imperialismus der westlichen Demokratien verbindet.
So verwundert es kaum, dass auf dem erstmals 2026 in Istanbul veranstalteten World Decolonization Forum postkoloniale Akademiker westlicher Universitäten gemeinsam mit Intellektuellen aus China und der Türkei nicht etwa über imperiale Kontinuitäten im Umgang mit den Uiguren oder der kurdischen Ethnie diskutierten. Stattdessen konzentrierte sich die Kritik an der vermeintlichen Dominanz westlicher Wissensordnungen auf Israel, das als „siedlerkoloniales Regime“ in die vermeintliche Kontinuität des europäischen Kolonialismus eingeordnet wurde. Hier bestätigt sich die Annahme von Samuel Salzborn, der darauf verweist, dass Antisemitismus historisch in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen als zentrales Element innerhalb transnationaler antidemokratischer Mobilisierungen fungierte. Die Verbindung zwischen der postkolonialen Ideologie und dem weltweiten Aufschwung des neuen Autoritarismus zu analysieren, ist eine der demokratietheoretisch wichtigsten Aufgaben der Geisteswissenschaften im 21. Jahrhundert.
Weitere Essays
zum Schwerpunktthema Antisemitismus lesen Sie in unserem Blog.
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