
Thomas Hertfelder
Thomas Hertfelder ist Historiker und war bis Januar 2025 Geschäftsführer der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus.

03. September 2026
Ein Beitrag von Thomas Hertfelder
Vor 50 Jahren ist Gustav Heinemann gestorben. Der Kirchenmann, Justizminister und dritte Bundespräsident führte ein Leben voller Wendungen – und war doch kein Opportunist. Thomas Hertfelder widmet ihm ein Porträt in zwei Teilen.
„Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“ Mit dieser unwirschen Antwort auf die leichtfertige Frage eines Journalisten, ob er denn den Staat liebe, verblüffte Gustav Heinemann Anfang 1969 die Nation.[1] Abermals schieden sich die Geister an diesem eigensinnigen Mann, der wenig später, am 5. März 1969, im dritten Wahlgang mit äußerst knapper Mehrheit zum dritten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt worden war. Ein Staatsoberhaupt, das seinen Staat nicht liebt – geht das überhaupt?
Erwartungsgemäß ärgerten sich die Konservativen über diesen Satz ebenso reflexartig, wie sich Linksliberale daran begeisterten. Etwa Günther Grass: Mit diesem Ausspruch habe Heinemann „tausende von Amtsstuben gelüftet, in denen unbedingte Staatsloyalität Religionsersatzdienste leisten musste, in denen der Staat als Fetisch galt und die Demokratie als notwendiges Übel.“[2]
Dabei wusste Heinemann von Staatsloyalität durchaus ein Lied zu singen. Als 16jähriger bejubelte er in pathetischen Gedichten die Erfolge der kaiserlichen Armeen im Ersten Weltkrieg, und als er 1917 mit gerade mal 18 Jahren selbst den Dienst an der Waffe antrat, kokettierte er mit seiner schneidigen Uniform. Die Fronterfahrung blieb ihm nach einer schweren Rippenfell- und Herzklappenerkrankung allerdings erspart. Während seine Altersgenossen aus der „Kriegsjugendgeneration“ ihre doppelte Demütigung – die versäumte Fronterfahrung und den Zusammenbruch des Kaiserreichs im November 1918 – in der Weimarer Republik nur allzu gerne durch martialischen Radikalnationalismus und ostentative Verachtung der Demokratie zu kompensieren suchten, schlug Heinemann einen anderen Weg ein: Er engagierte sich fortan für die parlamentarische Republik. So schloss er sich in Marburg, wo er nach einem Intermezzo in Münster seit 1919 Jura und Nationalökonomie studierte, der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei an. Im rechtsnationalen studentischen Milieu jener Zeit fiel er bald durch sein beherztes Eintreten gegen reaktionäre Professoren auf. Als Reichsaußenminister Walter Rathenau am Vormittag des 24. Juni 1922 einem Attentat erlag, das drei Studenten eben jener Kriegsjugendgeneration im Auftrag der rechtsterroristischen „Organisation Consul“ verübt hatten, notierte Heinemann in seinem Tagebuch: „Wut und Empörung … Der Wahnsinn triumphiert.“[3] Die Weimarer Republik unterstützte der entschiedene Republikaner Heinemann jedenfalls bis zu ihrem Untergang.
Wer sich auf die Spuren des jungen Gustav Heinemann begibt, wird mancherlei überraschende Entdeckung machen. Dazu gehören etwa die lebenslangen Freundschaften, die Heinemann noch in Marburg mit seinen Kommilitonen Ernst Lemmer und Wilhelm Röpke schloss; später kam der protestantische Theologe Helmut Gollwitzer hinzu, den Heinemann als Aktivist der Bekennenden Kirche kennenlernte.
Ernst Lemmer – heute nahezu vergessen – betätigte sich nach seinem Studium als liberaler Gewerkschaftssekretär, Vorsitzender der Jungdemokraten sowie Reichstagsabgeordneter und Vorstandsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei; in der jungen Bundesrepublik wirkte der Christdemokrat als Bundesminister in den Kabinetten Konrad Adenauers und Ludwig Erhards. Wilhelm Röpke war als Vordenker des deutschen Ordoliberalismus der wohl Prominenteste im Dreigestirn der Freundschaften Heinemanns; der polyglotte Professor der Nationalökonomie verfolgte zwischen den Kriegen an zahlreichen Universitäten in Europa, der Türkei und den USA eine steile akademische Karriere, ohne dabei seine stets freundschaftlichen Beziehungen zu Heinemann zu vernachlässigen.
Schließlich Helmut Gollwitzer. Der protestantische Theologe und Gegner des NS-Regimes, bekennende Sozialist und Pazifist, Redner am Grab von Ulrike Meinhof und Bewährungshelfer von Horst Mahler eckte beim bürgerlichen Establishment der Bonner Republik an, wo er nur konnte – und genoss genau damit die tiefe Sympathie Heinemanns. Lemmer, Röpke, Gollwitzer – in dieser pikanten Konstellation mag man die weit auseinanderliegenden Koordinaten von Heinemanns Wirken zwischen marktwirtschaftlicher Ökonomie und Nonkonformismus, intellektuellem Anspruch und politischer Praxis, gesinnungsethisch gewendetem Glauben und robustem Karrierebewusstsein verorten.
Wer Heinemann als etwas ungelenken, in seinem bekennerhaften Gestus fast weltfremd wirkenden Mann in Erinnerung hat, kennt nur eine – durchaus markante – Seite dieses rastlosen Geistes. Denn zu den Überraschungen dieser Biographie gehört ohne Zweifel das berufliche Umfeld, in dem sich Heinemann zunächst bewegte. Schon als junger Mann legte er einen außerordentlichen Ehrgeiz an den Tag, indem er sowohl in Nationalökonomie als auch in Rechtswissenschaften promovierte, sodann eine attraktive Beamtenstelle im preußischen Justizdienst selbstbewusst ausschlug, um schließlich 1926 als Anwalt in eine angesehene Essener Sozietät einzutreten. Erzielte er schon dort ein selbst für damalige Akademiker überdurchschnittliches Einkommen, so galt dies erst recht, nachdem er im Mai 1928 als Justiziar zu den Rheinischen Stahlwerken wechselte, einer in Essen ansässigen Holding, die damals acht Steinkohlezechen sowie Produktionsanlagen für Gas und Ammoniak betrieb. Von nun an konnte sich Heinemann, der im Vorjahr seine frühere Marburger Kommilitonin Hilda Ordemann geheiratet und mit ihr eine Familie gegründet hatte, einen großbürgerlichen Lebensstil leisten; neben einer Dienstvilla und Hauspersonal gehörten dazu auch ausgedehnte Bildungsreisen.
Während das nationalsozialistische Deutschland massiv aufrüstete und dabei auf die Kooperation der Stahlkonzerne setzte, erklomm Heinemann im August 1936 die nächste Sprosse auf der Karriereleiter, als ihn die Rheinischen Stahlwerke zum stellvertretenden Vorstandsmitglied beriefen. Fortan bestimmte er den Kurs des Konzerns an maßgeblicher Stelle mit. Zwar ging es dabei vorrangig um Steuer-, Haftungs- und Patentfragen sowie die Rechtsbeziehungen zum Rheinisch-Westfälischen Kohlesyndikat, das in der Steinkohleförderung den Markt beherrschte. Doch beschäftigte sich Heinemann zunehmend auch mit den stets unzureichenden Fördermengen für die staatliche Aufrüstung, mit dem Mangel an Arbeitskräften und mit der daraus resultierenden Rekrutierung polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiter.[4]
Kein Zweifel: Heinemann war in einem der Zentren des militärisch-industriellen Komplexes der NS-Diktatur angekommen. Die Rheinischen Stahlwerke hätten sich, so Heinemanns Biograph Thomas Flemming, in Sachen Zwangsarbeitereinsatz kaum vom Durchschnitt der Montanbetriebe im Ruhrgebiet abgehoben. Heinemann habe außerdem für einen „juristisch korrekten“ Ausländereinsatz gesorgt und auch in anderen Belangen betont sachlich agiert. Dies kann man schwerlich als Entlastung lesen.[5] Denn es war gerade jene Sachlichkeit der Funktionseliten, die den mörderischen Apparat der Diktatur mit professioneller Routine am Laufen hielt.
Heinemann mag als Mitglied der montanindustriellen Führungsschicht seine Handlungsspielräume genutzt haben oder nicht: So oder so musste er als Mitwirkender eines verbrecherischen Systems agieren. „Im Krieg waren alle Deutschen in Hitlers Kriegsmaschinerie verflochten“, bemerkte er als Bundespräsident 1972 in seiner Traueransprache auf seinen Amtsvorgänger Heinrich Lübke.[6] Die wenigsten ahnten, wie sehr er hier nicht nur von Lübke, sondern auch von sich selbst sprach. Und wie wenig derlei Banalitäten spätere Generationen zu überzeugen vermochten.
Trotz alledem passt das Bild vom gut funktionierenden Rädchen in der Diktatur auf Heinemann nicht wirklich. Während sein Beruf als Stahlmanager im Dritten Reich zu seinen Lebzeiten kaum je für Nachfragen sorgte, galt dies umso mehr für sein allseits bekanntes Engagement in der evangelischen Kirche. In die Wiege gelegt war ihm dies nicht.
Geboren am 23. Juli 1899 im westfälischen Schwelm, wuchs Heinemann in einem atheistischen Elternhaus auf und betätigte sich während seines Studiums im betont freidenkerischen deutschen Monistenbund. Erst in den späten zwanziger Jahren begann er unter dem Einfluss seiner Frau, einer Anhängerin der dialektischen Theologie Karl Barths und Rudolf Bultmanns, für Glaubensfragen zu interessieren. So erlebte Heinemann das Jahr 1933 bereits als zutiefst gläubiger Protestant, gewähltes Mitglied des Presbyteriums der evangelisch-reformierten Gemeinde Essen-Altstadt und aktiver Teilnehmer an Bibelkreisen.
Anders als in seinem Beruf ging Heinemann in Fragen des Glaubens und der Kirchenverfassung kaum Kompromisse ein. So beteiligte er sich schon 1933 mit großer Energie am innerkirchlichen Widerstand gegen die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ und deren Projekt einer gleichgeschalteten „Reichskirche“. Bald gehörte Heinemann auch zu jenen 139 Kirchenleuten, die am 29. Mai 1934 unter dem maßgeblichen Einfluss Karl Barths die Barmer „Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage“ erarbeiteten, das Gründungsdokument der Bekennenden Kirche.
Unter dem Eindruck der Schriften des Tübinger Theologen Adolf Schlatter unterstützte der Stahlmanager fortan die innerkirchliche Oppositionsbewegung durch juristischen Rat und theologische Argumente. Als der mittlerweile in Istanbul lehrende Wilhelm Röpke 1935 seinem Freund „dogmatischen Eifer“ und „mangelnde Entschiedenheit in Fragen politischer Sittlichkeit“ vorwarf und damit nebenbei auch die Haltung der Bekennenden Kirche traf, reagierte Heinemann mit einer für ihn charakteristischen Prinzipientreue: „Entweder lasse ich mein Leben bestimmen durch meinen Glauben an Christus oder ich tue es nicht.”[7] Zum aktiven politischen Widerstand hatten sich Heinemann wie auch die Bekennende Kirche insgesamt jedenfalls nicht entschließen können; Heinemanns Opposition blieb auf den „Kirchenkampf“ beschränkt.
Unter diesem Vorzeichen stand auch seine 1938 vollzogene Abkehr von der Bekennenden Kirche, der er mangelnde Entschiedenheit im Kampf um die Kirche und einen „Rückfall in einen neuen Konfessionalismus“ vorhielt.[8] Seine Essener Wohnung stellte der mittlerweile vierfache Vater hingegen weiterhin konspirativen Zusammenkünften zur Verfügung; kurioserweise ließ er im Keller seines Hauses ein illegales Mitteilungsblatt drucken, das über den aktuellen Stand im Kirchenkampf berichtete, während sich im selben Keller der Bund Deutscher Mädel gelegentlich traf, dem zwei seiner Töchter angehörten.
Nun konzentrierte Heinemann sein kirchliches Engagement auf praktische Gemeindearbeit und den Essener „Christlichen Verein Junger Männer“. 1937 übernahm er dessen Vorsitz und suchte den Verein gegenüber dem „Ansturm des organisierten Anti-Christentums“ zu positionieren.[9] Gegenüber Röpke machte Heinemann in jenen Jahren des Lavierens seiner Enttäuschung über die moralische Substanzlosigkeit jenes liberalen Bürgertums Luft, das nur in Nützlichkeitserwägungen denke und den Nationalsozialisten deshalb nichts entgegenzusetzen habe.[10] Seine Kirchenpolitik im „Dritten Reich“ war sein höchst persönlicher Versuch, diesem Dilemma seiner eigenen Klasse zu entkommen.
„Kein Aktivist, no objection“ lautete unter dem Datum des 24. Mai 1946 der Vermerk der zuständigen Spruchkammer auf Heinemanns Entnazifizierungsfragebogen. Zu diesem Zeitpunkt war Heinemann bereits Gründungsmitglied der Essener CDU. Diese Entscheidung für die neu gegründete Unionspartei schien insofern folgerichtig, als Heinemann hier an seine Mitgliedschaft im dezidiert protestantischen „Christlich-Sozialen Volksdienst“ der späten Weimarer Republik anknüpfen konnte, während er in der CDU seinen Wunsch nach einer überkonfessionellen christlichen Partei verwirklicht sah. Zur Überraschung vieler bekannte sich der Montanindustrielle nachdrücklich zum Ahlener Programm der CDU aus dem Jahr 1947, das ebenso nüchtern wie unmissverständlich festhielt: „Wir fordern die Vergesellschaftung der Bergwerke.“[11]
So begann der steile, aber von herben Rückschlägen begleitete politische Aufstieg Gustav Heinemanns in der Bundesrepublik. Von 1946 bis 1949 bekleidete er als Oberbürgermeister seiner in Trümmern liegenden Heimatstadt Essen sein erstes politisches Amt.[12] Widerwillig übernahm er im Sommer 1947 für gut ein Jahr zudem das Amt des Justizministers in der zweiten, von Karl Arnold geführten Landesregierung Nordrhein-Westfalens. Obendrein war Heinemann zwischenzeitlich zum Präses der Synode der neu gegründeten Evangelischen Kirche in Deutschland gewählt worden, eine Position, die ihm damals mehr bedeutete als politische Ämter.
Auf Betreiben namhafter Protestanten in der CDU wie Gerd Bucerius und Eugen Gerstenmeier holte sich Konrad Adenauer mit Gustav Heinemann als erstem Innenminister der jungen Republik im September 1949 einen hartleibigen Widersacher in sein Bundeskabinett. Ob es um provokante Äußerungen Martin Niemöllers oder um eine nach Ostberlin einberufene Synode der EKD, um den von Adenauer forcierten Beitritt der Bundesrepublik zum Europarat oder um die Westintegration überhaupt ging – ein ums andere Mal gerieten Kanzler und Minister aneinander.

In der Frage der Wiederbewaffnung, die Adenauer seit dem Frühjahr 1950 energisch vorantrieb, kam es zum endgültigen Zerwürfnis. In einem zehn Thesen umfassenden Papier, das er Adenauer überreichte, begründete Heinemann seine Position unter anderem mit den „schweren Belastungen“, die ein Aufstellen eigener Truppen für „unsere sozialen Gestaltungsmöglichkeiten“ bedeuten würden. Auch die fehlende demokratische Legitimation der Aufrüstungspläne und die Gefahr, dass Deutschland das „Schlachtfeld eines beiderseitigen totalen Vernichtungskrieges“ zu werden drohe, gehörte zu seinen Argumenten. Aber auch jene seltsame Erwägung, „ob es nicht etwa so ist, dass wir durch Gottes Gericht waffenlos gemacht worden sind.“[13] Damit hatte Heinemann den Bogen überspannt: Am 11. Oktober 1950 überreichte Bundespräsident Theodor Heuss auf Vorschlag des Kanzlers dem Innenminister die Entlassungsurkunde. In der CDU war Heinemann fortan isoliert.
Heinemanns Position in der emotional geführten Aufrüstungsdebatte war nicht wirklich schlüssig. Den Aufrüstungsplänen der Bundesregierung hielt er entgegen, dass ja die Westmächte für die Bundesrepublik Sicherheitsgarantien abgegeben hätten. Adenauers Politik der Westbindung widersetzte er sich gleichwohl, und zwar aus „gesamtdeutschen“ Erwägungen.[14] Für seine Gegner in der CDU war es mithin ein Leichtes, den abtrünnigen Minister a.D. der Naivität und des Sektierertums zu bezichtigen, während Sozialdemokraten vor einer möglichen Kumpanei mit dem Kommunismus warnten.[15]
Nach langem Zögern entschied sich Heinemann zusammen mit der Zentrumspolitikerin Helene Wessel, dem jungen Johannes Rau und anderen Gegnern der Regierungspolitik zur Gründung einer neuen Partei, die im November 1952 unter dem Namen „Gesamtdeutsche Volkspartei“ (GVP) ins Leben trat.[16]
Dabei sparte man nicht mit starken Vokabeln. Gegen die herrschende „Parteioligarchie“ sah sich die neue politische Kraft als „Zweckpartei“ zur Beförderung der deutschen Einheit, zur Erhaltung des Friedens und zur Entwicklung einer „neuen, veredelten Demokratie“. So wollte man den etablierten „Weltanschauungsparteien“ entgegentreten, die Heinemann und seine Mitstreiter auf dem besten Weg sahen, „in totalitäre Regierungsformen zurückzufallen“.[17] Doch bereits bei den Bundestagswahlen vom September 1953 sollte das Experiment krachend scheitern: Nur 1,1 Prozent der Wählerinnen und Wähler hatten ihr Kreuz bei den Gesamtdeutschen gemacht. Es hatte nahezu an allem gefehlt – an Zeit, an Mitgliedern, an Organisation, an Geld und vor allem an Glaubwürdigkeit. So hatte insbesondere Adenauers CDU im Wahlkampf kaum eine Gelegenheit ausgelassen, die neue Konkurrenz als fünfte Kolonne Moskaus hinzustellen.
Tatsächlich waren die Vorwürfe nicht aus der Luft gegriffen. Unbeschadet aller gegenteiligen Beteuerungen hatte die GVP vom SED-Regime über eine linke politische Splittergruppe, den „Bund der Deutschen“, nicht nur Geldzuwendungen erhalten, sondern diese unmittelbar nach dem Wahldebakel auch noch nachdrücklich erbeten. Da ausgerechnet sein persönlicher Referent in diese Vorgänge verwickelt war, ist anzunehmen, dass Heinemann, der sich stets gegen die Unterwanderung seiner Partei durch Kommunisten gestemmt hatte, davon wusste.[18] Politisch war er, so schien es, Ende 1953 ein toter Mann.
Auf ihrem Bundesparteitag im Mai 1957 löste sich die Gesamtdeutsche Volkspartei auf und empfahl ihren Mitgliedern den Eintritt in die SPD. Hatte Heinemann, der großbürgerliche Individualist und engagierte Christ, mit der Partei der Arbeiterklasse bis dahin gefremdelt, so stellte er nun derlei Hemmungen zurück. Eine Woche nach der Auflösung der GVP trat er in die SPD ein und schlug als frischgebackener Genosse ein neues Kapitel seiner an Überraschungen nicht eben armen Biographie auf.
Teil 2 (Aus der Opposition zum Bürgerpräsidenten) erscheint in der kommenden Woche.

Gustav Heinemann gehört zu den "100 Köpfen der Demokratie".
