Theodor Heuss

 

Biographische Daten: Nationalsozialismus

1933

23.03.1933 Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz

Am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler und löst auf Drängen von Hitler den Reichstag auf. Aufgrund einer Listenverbindung mit der SPD zieht die Staatspartei mit fünf Abgeordneten in den Reichstag ein, unter ihnen auch Theodor Heuss. Am 23. März stimmt die Fraktion geschlossen für das Ermächtigungsgesetz, das dem Reichstag die Gesetzgebungskompetenz zugunsten der Reichsregierung entzieht.

Regierungserklärung Adolf Hitlers vor dem Reichstag zur Verabschiedung des „Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich” („Ermächtigungsgesetz”), 23.3.1933 (Foto: Bundesarchiv) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Regierungserklärung Adolf Hitlers vor dem Reichstag zur Verabschiedung des „Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich” („Ermächtigungsgesetz”), 23.3.1933 (Foto: Bundesarchiv)

Theodor Heuss hat sich vorher in der Fraktion gegen die Zustimmung ausgesprochen und auch schon einen Redeentwurf vorbereitet, mit dem er seine Stimmenthaltung begründen will – doch er beugt sich der Fraktionsdisziplin. Wie seine Parteifreunde gibt er sich letztlich der trügerischen Hoffnung hin, durch die Wahrung von Legalität den Terror zu mäßigen, die eigene Anhängerschaft zu schützen und sich Möglichkeiten für ein politisches Comeback zu erhalten. Letztlich unterschätzt auch Heuss die unmittelbare Gefährlichkeit und beispiellose Radikalität des Nationalsozialismus und die Wirkung des Ermächtigungsgesetzes. So begrüßt er die Gleichschaltung der Länder mit dem Reich als Akt gegen die überkommene Partikularstaatlichkeit.

1933

10.05.1933 Bücherverbrennung

Die Einschüchterung und Gleichschaltung des kulturellen Lebens drückt sich auf spektakuläre Weise in der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 aus. Schon im Vorfeld stellt die Deutsche Studentenschaft im Rahmen der „Aktion wider den undeutschen Geist” so genannte „Schwarze Listen” mit den Werken unliebsamer Autoren zusammen, die als Grundlage für die Säuberung öffentlicher Büchereien dienen. Zum Zeichen ihrer Ächtung nageln Studenten diese Schriften an "Schandpfähle“. Auch zwei Werke von Theodor Heuss, „Führer aus deutscher Not” (1927) und das brisante Buch „Hitlers Weg” (1932), erleiden dieses Schicksal.Plakat der Deutschen Studentenschaft „Wider den undeutschen Geist” (Faksimile, Staatsarchiv Würzburg, Akten der Deutschen Studentenschaft, I 21 C 14/I) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus Sie werden schließlich mit Schriften zahlreicher anderer Autoren dem Scheiterhaufen übergeben. Die gewaltsame Verdrängung des demokratischen Publizisten Heuss drückt sich in dieser Ausgrenzung und Verbrennung seiner Werke besonders eindringlich aus.

Plakat der Deutschen Studentenschaft „Wider den undeutschen Geist”
(Faksimile, Staatsarchiv Würzburg, Akten der Deutschen Studentenschaft, I 21 C 14/I)

1933

12.07.1933 Aberkennung des Reichstagsmandats

Verlust des Reichstagsmandats Direktor des Reichstags an Theodor Heuss, 12.7.1933 (Faksimile, Bundesarchiv, Nachlass Theodor Heuss, N 1221, 382) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-HausMit der Aberkennung des Reichstagsmandats steht Theodor Heuss im Alter von 49 Jahren vor dem vorläufigen Aus seiner politischen Karriere. Seine journalistischen Aktivitäten können in der NS-Diktatur und unter den scharfen Zensurbestimmungen nur sehr eingeschränkt zum Politikersatz avancieren. Zudem verliert Heuss seine letzte geregelte Einkommensgrundlage. Zur Existenzsicherung trägt in dieser Zeit vielmehr seine Frau Elly mit ihrem durchschlagenden Erfolg als Texterin für Werbespots im Rundfunk bei.

Verlust des Reichstagsmandats Direktor des Reichstags an Theodor Heuss, 12.7.1933 (Faksimile, Bundesarchiv,
Nachlass Theodor Heuss, N 1221, 382)

1933

29.09.1933 Rücktritt vom Vorstand des Deutschen Werkbundes

Auch das kulturpolitische Engagement von Heuss findet sein Ende. Der Deutsche Werkbund geht erheblich geschwächt schon aus der Inflationszeit und dann aus der Weltwirtschaftskrise hervor, weil das materielle Elend die Prinzipien von Qualität und Geschmack in den Hintergrund treten lässt. Er steht der nationalsozialistischen Herausforderung hilflos gegenüber und wird widerstandslos gleichgeschaltet. Im Juni bestätigt der Vorstand, dem auch Heuss angehört, die neue nationalsozialistische Führung des Bundes. Auf einer Sitzung im September tritt der Vorstand geschlossen zurück, darunter auch Heuss. Der Werkbund wird in aller Form Teil der NS-Kulturbewegung. Diese Entwicklung kommentiert auch Heuss wohlwollend in einem Artikel der Vossischen Zeitung vom 6. Oktober 1933, in dem er die innere Verwandtschaft des Werkbundes zu einem „deutschen Stil” und zum Führergedanken herausstreicht.

1936

Ausscheiden aus der „Hilfe”

Theodor Heuss tritt schon um die Jahreswende 1932/33 in den Herausgeberkreis der „Hilfe” ein und weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er im Laufe des Jahres seine politische Karriere beenden und seinen Arbeitsschwerpunkt auf den Journalismus verlagern muss.
Mit der „Hilfe” hat 1905 sein publizistischer Werdegang begonnen, den er nun unter den Bedingungen des totalitären Systems weiter fortsetzt. Auf diese Weise möchte er eine liberale Gesinnungsgemeinschaft in Zeiten aufrechterhalten, in denen eine Parteiarbeit nicht mehr möglich ist. Doch obwohl es ihm gelingt, neue Abonnenten und Förderer zu gewinnen, bleibt die finanzielle Lage des Blattes so angespannt, dass Heuss statt eines Gehalts nur eine geringe Aufwandsentschädigung erhält.

Titelblatt der Zeitschrift „Hilfe“ (17.3.1934 Original, SBTH) Stiftung Stuttgart Theodor-Heuss-Haus

Titelblatt der Zeitschrift „Hilfe” (17.3.1934 Original, SBTH)

Unter seiner Federführung steuert die „Hilfe” einen Kurs zwischen kritischer Distanz zur Uniformierung des gesellschaftlichen Lebens und Anpassung an die neuen Machthaber. Dabei zeigen sich auch gravierende Fehleinschätzungen über den Charakter des NS-Staates. Während sich Heuss 1933 in seinen Artikeln noch vorwiegend mit innergesellschaftlichen Fragen beschäftigt, weicht er in den folgenden Jahren zunehmend auf das Feld der Außenpolitik aus. Mit ihrer Linie bewegt sich die Zeitschrift immer wieder am Rande des Verbots. Aufgrund kritischer Artikel rückt Heuss ins Visier einer repressiven Kulturpolitik und wird mehrfach vom Propagandaministerium verwarnt. Ende 1936 muss er schließlich von seinem Herausgeberposten in der „Hilfe” zurücktreten, weil er nicht bereit ist, sich gleichschalten zu lassen. Bis 1942 publiziert er aber weiterhin auch in diesem Blatt.
Zahlreiche Artikel vor allem zu historischen Persönlichkeiten und Jubiläen verfasst er zudem in der „Vossischen Zeitung” und im „Berliner Tageblatt”, seit 1941 auch als fester Mitarbeiter unter dem Kürzel „r.s.” oder dem Pseudonym „Thomas Brachem” für die Frankfurter Zeitung.

1937

Erscheinen der Biographie über Friedrich Naumann

Theodor Heuss: Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit, Stuttgart (Deutsche Verlags-Anstalt) (1937 Original, SBTH) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-HausAls Friedrich Naumann 1919 stirbt, tritt dessen Familie an Heuss mit dem Wunsch heran, eine Biographie seines politischen Ziehvaters zu verfassen. Seitdem lässt ihn dieser Gedanke nicht mehr los, und er beginnt mit den Vorarbeiten. Vielfache andere Verpflichtungen behindern zunächst den Fortgang der Arbeit, der sich Heuss erst ab 1933 – nach dem Verlust seiner öffentlichen Ämter – intensiver widmen kann. Als das Manuskript 1937 endlich fertig gestellt ist, haben sich die politischen Umstände seit den ersten Vorarbeiten völlig gewandelt. Nun beginnen langwierige Verhandlungen mit NS-Parteidienststellen, die der Veröffentlichung eines bekannten Demokraten zunächst skeptisch gegenüberstehen.

Theodor Heuss: Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit, Stuttgart (Deutsche Verlags-Anstalt) (1937 Original, SBTH)


Ein drohendes Verbot kann schließlich abgewendet werden, so dass Ende des Jahres die Biographie unter dem Titel „Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit” erscheint – ein Dokument der Verehrung seines politischen Lehrers, das Heuss für seine wichtigste Arbeit hält.



1939

Erscheinen der Biographie über Hans Poelzig

Die Werkbundtätigkeit hat Theodor Heuss mit dem Architekten Hans Poelzig (1869–1936) zusammengebracht, aus der sich eine nähere, freundschaftliche Beziehung entwickelt. Poelzig war 1907 Gründungsmitglied des Deutschen Werkbundes, zu Beginn der zwanziger Jahre dessen Vorsitzender, leitete seit 1920 ein Meisteratelier an der Preußischen Akademie der Künste und wurde ab 1923 zugleich Professor an der TU Berlin Charlottenburg.

Hans Poelzig (1869-1936)(Foto, Hugo Erfurth; Bildarchiv, Preußischer Kulturbesitz) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-HausZum 60. Geburtstag 1929 verfasst Heuss eine Würdigung seiner ausdrucksstarken Persönlichkeit und seine Tätigkeit, mit der er in Deutschland einen neuen Architekturstil eingeleitet hat und eine Synthese zwischen Zweck- und Kunstform verfolgte. „Er steht ganz in dieser Zeit und er steht doch wie jeder große Schöpfer auch gegen seine Zeit, indem er sich ihr nicht läßlich unterwirft, sondern in seiner Arbeit die Bindung an das Zeitlose kennt” (in: Theodor Heuss. Der Mann, das Werk, die Zeit. Eine Ausstellung, Tübingen 1967, S. 166). Nach 1933 wird Poelzig von den Nationalsozialisten gezwungen, seine Ämter niederzulegen.

Hans Poelzig(1869-1936)
(Foto, Hugo Erfurth; Bildarchiv, Preußischer Kulturbesitz)

Er stirbt im Jahr 1936, kurz vor seiner geplanten Emigration in die Türkei. Die Familie Poelzigs und der Verlag Ernst Wasmuth in Berlin bitten 1938 Heuss, in der umfangreichen Monographie der „Bauten und Entwürfe” von Hans Poelzig den biographischen Begleittext zu übernehmen; sie erscheint im Folgejahr unter dem Titel „Hans Poelzig: Das Lebensbild eines deutschen Baumeisters”.
Doch bereits 1941 wird – vermutlich auf Veranlassung Hitlers – die Auslieferung des Buches verboten. Nach dem Krieg entschließt sich der Verlag, eine kleinere, im Umfang reduzierte Auflage zu edieren; der biographische Teil von Heuss bleibt unverändert. In der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung kann heute noch ein Poelzig-Bau besichtigt werden.


1940

Erscheinen der Biographie über Anton Dohrn

Die dritte Biographie, die Theodor Heuss in der Zeit des Nationalsozialismus schreibt, befasst sich mit dem Zoologen Anton Dohrn (1840–1909). Ihm ist Heuss zwar nie persönlich begegnet, doch ist er mit dessen Sohn, Boguslav Dohrn, seit langem befreundet. Dieser bittet ihn, zum 100. Geburtstag des großen Naturwissenschaftlers 1940 eine Gesamtwürdigung des Lebenswerkes zu schreiben.

Anton Dohrn (1840–1909) (Foto: Scherl, Süddeutscher Verlag Bilderdienst) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Anton Dohrn (1840–1909)
(Foto: Scherl, Süddeutscher Verlag Bilderdienst)

Anton Dohrn begründet 1870 die erste zoologische Station in Neapel, die für Jahrzehnte das bedeutendste internationale Zentrum meeresbiologischer Forschung wird. Zunächst zögerlich, wagt sich Heuss an das für ihn ungewohnte naturwissenschaftliche Feld, recherchiert im Nachlaß Dohrns und studiert im Zoologischen Institut in Berlin die Jahrgänge der wissenschaftlichen Zeitschriften. Heuss reist sogar noch 1939 nach Neapel, um die Dohrnsche Station kennenzulernen. „Aber als ich mich mit dem Material näher vertraut machte, fand ich bald bestätigt, daß die Erscheinung von Dohrn von sehr viel geistes-geschichtlicher und wissenschaftspolitischer Luft umgeben ist, so daß über die engeren Fragen der biologischen Dinge mancherlei herauszuholen ist” (Heuss an Walter von Keudell, 4.12.1939, in: Theodor Heuss. Der Mann, das Werk, die Zeit. Eine Ausstellung, Tübingen 1967, S. 222).
1940 erscheint das Werk unter dem Titel „Anton Dohrn in Neapel” in einer Auflagenhöhe von 3000 Exemplaren, die bald vergriffen sind. Eine zweite Auflage wird während des Krieges nicht genehmigt.

1943

Umzug nach Heidelberg und Kontakte zum Widerstand

Wohnsitz des Ehepaars Heuss im Kehrweg 4, Heidelberg-Handschuhsheim (1943–1945) (Foto: Familienarchiv Heuss, Basel) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-HausDas alliierte Bombardement auf Berlin und der angegriffene Gesundheitszustand Ellys veranlassen das Ehepaar, im Herbst 1943 nach Heidelberg umzusiedeln, wo Theodor Heuss sich intensiv seiner Biographie über Robert Bosch widmet, um die ihn der Firmengründer 1942 kurz vor seinem Tod gebeten hatte.
Der unmittelbare Anlass für den Weggang aus Berlin dürfen aber wohl Warnungen vor der Gestapo gewesen sein, die aus dem Umkreis von Heuss' Sohn stammen. Heuss hat nach 1933 weiterhin ein liberales Beziehungsnetz unterhalten, aus dem heraus Kontakte in Richtung Widerstand erwachsen. Nachweisbar hat er Beziehungen zu Julius Leber und Carl Goerdeler. Zum Mitträger des Widerstands wird Heuss, als er sich gegenüber Goerdeler im Dezember 1943 bereit erklärt, im Falle eines erfolgreichen Umsturzes der neuen Reichsregierung als Pressechef zur Verfügung zu stehen.

Wohnsitz des Ehepaars Heuss
im Kehrweg 4, Heidelberg-Handschuhsheim
(1943–1945) (Foto: Familienarchiv Heuss, Basel)