Theodor Heuss

 

Biographische Daten: Nachkriegszeit

1945

30.03.1945 Besetzung Heidelbergs durch amerikanische Truppen

Mit dem Einmarsch der Amerikaner in Heidelberg ist für Theodor Heuss der Weltkrieg und der Nationalsozialismus beendet. Die im Mai ausgesprochene bedingungslose Kapitulation schätzt Heuss zwar auf der einen Seite als eines der furchtbarsten Ereignisse der deutschen Geschichte ein; auf der anderen Seite begrüßt er sie aber als eine Befreiung von jahrelangem Druck und Terror, zumal sie das Aufkeimen einer zweiten Dolchstoßlegende unmöglich mache.

Amerikanische Truppen bei der Besetzung Heidelbergs Ende März 1945, Bau einer Ponton-Fähre am Neckarufer (Foto: Keystone, Stadtarchiv Heidelberg) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Amerikanische Truppen bei der Besetzung Heidelbergs Ende März 1945, Bau einer Ponton-Fähre am Neckarufer (Foto: Keystone, Stadtarchiv Heidelberg)


In den Reden der folgenden Monate will Heuss über den verbrecherischen Charakter des Nationalsozialismus aufklären, dessen schädlichste Wirkungen er vor allem auf geistig-sittlichem Gebiet sieht. Um so wichtiger erscheint ihm deshalb eine moralische Ausrichtung der demokratischen Neuorientierung, um so die Durchdringung der Gesellschaft mit verschütteten liberalen Wertideen zu ermöglichen und künftige Katastrophen zu vermeiden.

1945

05.09.1945 Lizenzträger der Heidelberger „Rhein-Neckar-Zeitung”

Schon im Frühjahr 1945 tragen die Amerikaner Theodor Heuss gemeinsam mit Hermann Knorr und Rudolf Agricola das Lizentiat für eine neu zu gründende Zeitung an, die dann erstmalig am 5. September unter dem Namen „Rhein-Neckar-Zeitung” in Heilbronn erscheint.
Einen bedeutenden organisatorischen Einfluss auf die Zeitung kann Heuss aber wegen seiner vielfältigen politischen Aufgaben nicht mehr ausüben. Doch stattdessen versorgt er das Blatt regelmäßig mit politischen Artikeln, in denen er sich mit dem deutschen Zusammenbruch und der politisch-moralischen Erneuerung beschäftigt. Den Vorwurf einer deutschen Kollektivschuld lehnt er ab, vielmehr betont er die Passivität des Volkes gegenüber dem NS-Terror. Gegen das Vergessen vertritt Heuss eine Kultur des Erinnerns an die Ursachen für den Nationalsozialismus, die freilich die Opfer anderer Völker noch ausspart. 1948/49 berichtet Heuss vor allem über die Arbeit im Parlamentarischen Rat.

 Die Offiziere John B. Stanley (2.v.l.) und Chesnutt (3.v.l.) überreichen am 5. September 1945 die Lizenz für die Rhein-Neckar-Zeitung an die drei Herausgeber: Theodor Heuss, Hermann Knorr (1897–1976) und Rudolf Agricola (1900–1985, nicht auf dem Foto) (Foto: H.Lossen, Stadtarchiv Heidelberg) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Die Offiziere John B. Stanley (2.v.l.) und Chesnutt (3.v.l.) überreichen am 5. September 1945 die Lizenz für die Rhein-Neckar-Zeitung an die drei Herausgeber: Theodor Heuss,
Hermann Knorr (1897–1976) und Rudolf Agricola (1900–1985, nicht auf dem Foto) (Foto: H. Lossen, Stadtarchiv Heidelberg)

1945

24.09.1945 „Kultminister” für Württemberg-Baden

Mit der Berufung zum „Kultminister” von Württemberg-Baden durch die amerikanische Militärregierung beginnt die politische Nachkriegskarriere von Theodor Heuss. Seine historisch-publizistischen Pläne muss er seitdem zunehmend zurückstellen.

Theodor Heuss bei der Arbeit als „Kultminister”, 1945/46 (Foto: Familienarchiv Heuss, Basel) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Theodor Heuss bei der Arbeit als „Kultminister”, 1945/46 (Foto: Familienarchiv Heuss, Basel)


Am 24. September 1945 tritt er in das Kabinett der Allparteienregierung (DVP, CDU, SPD, KPD) seines Parteifreundes Reinhold Maier ein. Im Oktober zieht er mit seiner Frau nach Stuttgart-Degerloch um. Heuss muss unter widrigsten Umständen sein Amt wahrnehmen, sind doch zahlreiche Kultur- und Bildungseinrichtungen zerstört. Darüber hinaus mangelt es an geeigneten und politisch unbelasteten Fachkräften für den Wiederaufbau von Schulen und Universitäten, von Theatern und Bibliotheken.

In den ersten Landtagswahlen im Spätherbst 1946 erringen die Liberalen 19 Prozent der Stimmen und können somit nur ein Regierungsmitglied stellen. Heuss verzichtet deshalb im Dezember zugunsten seines Parteifreundes Reinhold Maier auf das Amt des „Kultminister”, bleibt aber mit seiner Frau bis 1949 Abgeordneter für die liberale DVP im Landtag.

1946

Liberale Partei- und Verfassungspolitik für Württemberg-Baden

Nachdem Theodor Heuss von seinen ursprünglichen Vorstellungen einer überkonfessionellen, bürgerlichen Sammlungspartei Abstand genommen hat, ist er maßgeblich für die Wiederbegründung des parteipolitischen Liberalismus verantwortlich. Am 6. Januar 1946 beteiligt er sich an der Gründung der liberalen Deutschen Volkspartei (DVP) für Württemberg-Baden; im September tritt er in den Parteivorsitz der DVP für die amerikanische Besatzungszone ein.

Mitgliedskarte von Theodor Heuss für die DVP, 10. 10. 1945 (Original, Familienarchiv Heuss, Basel) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Mitgliedskarte von Theodor Heuss für die DVP, 10. 10. 1945 (Original, Familienarchiv Heuss, Basel)


Gleichzeitig ist Heuss als Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung an der Ausarbeitung einer Verfassung für den Südweststaat beteiligt. Die verfassungsrechtliche Verankerung der christlichen Gemeinschaftsschulen geht maßgeblich auf ihn zurück. Im November wird die neue Verfassung in einer Volksabstimmung angenommen.

1946

Erscheinen der Biographie über Robert Bosch

Robert Bosch (1861–1942), (Foto: Robert-Bosch-Archiv) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-HausDie Lektüre eines schmalen Bändchens, das Heuss 1942 über den Chemiker Justus von Liebig veröffentlicht, veranlasst Robert Bosch noch im selben Jahr, Heuss zu bitten, auch eine Biographie über ihn zu schreiben, die auf bewusste Schönfärberei verzichtet. Heuss nimmt das Angebot, das auch die Zahlung eines monatlichen Honorars einschließt, unverzüglich an. Kurz darauf stirbt der württembergische Industrielle.

Robert Bosch (1861–1942), (Foto: Robert-Bosch-Archiv)


Heuss lernt Bosch bereits in den zwanziger Jahren kennen. Politisch stehen beide dem Linksliberalismus nahe und sind ausdrückliche Hitlergegner. Seit 1933 unterstützt Bosch die finanziell angeschlagene Zeitschrift „Die Hilfe”. Um die Biographie zu verfassen, bekommt Heuss Zugang zu den nötigen Quellen. In Berlin, im oberbayerischen Bosch-Hof und zuletzt in Heidelberg schreibt er unter schwierigen Kriegsbedingungen aus dem umfangreichen Material das monumentale Werk. Diese Tätigkeit sichert dem Ehepaar Heuss in den letzten Jahren des Krieges ein kleines, nach dem Ende der Werbetätigkeit von Elly Heuss-Knapp aber um so wichtigeres Einkommen. Theodor Heuss ist bewusst, dass es unmöglich sein werde, dieses Buch über den liberalen Industriellen Bosch während der NS-Diktatur zu veröffentlichen; es erscheint schließlich 1946. Seine Arbeiten im Umfeld der Firma Bosch bringen Heuss während des Krieges auch in Berührung mit dem Widerstandskreis um Carl Goerdeler.

1947

Gesamtdeutsche liberale Bestrebungen

Nach der Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen hat Theodor Heuss die Hoffnung auf eine aus allgemeinen Wahlen hervorgehende gesamtdeutsche Volksvertretung nicht aufgegeben. Die Gründung einer gesamtdeutschen liberalen Partei soll dieser Forderung Gewicht verleihen. Am 17. März 1947 wird Heuss zusammen mit Wilhelm Külz, dem Vor-sitzenden der ostzonalen Liberaldemokratischen Partei (LDP), Mitglied der Doppelspitze der Demokratischen Partei Deutschlands, welche die liberalen Parteien aller Zonen zusammenfassen soll.
Nach der Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen hat Theodor Heuss die Hoffnung auf eine aus allgemeinen Wahlen hervorgehende gesamtdeutsche Volksvertretung nicht aufgegeben. Die Gründung einer gesamtdeutschen liberalen Partei soll dieser Forderung Gewicht verleihen. Am 17. März 1947 wird Heuss zusammen mit Wilhelm Külz, dem Vor-sitzenden der ostzonalen Liberaldemokratischen Partei (LDP), Mitglied der Doppelspitze der Demokratischen Partei Deutschlands, welche die liberalen Parteien aller Zonen zusammenfassen soll.  Sitzung des Vorstandes der DPD in Frankfurt am Main, 3. 11. 1947, (v.l.n.r.): August Martin Euler (1908–1966, LDP Hessen), Thomas Dehler (1897–1967, FDP Bayern), Wilhelm Külz (1875–1948, LDP Sowjetische Besatzungszone), Wolfgang Haußmann (1903–1989, DVP Württemberg-Baden), Theodor Heuss (DVP Württemberg-Baden), Eberhard Wildermuth (1890–1952, DVP Württemberg-Hohenzollern), Carl-Hubert Schwennicke (1906–1992, LDP Berlin) (Foto: DPA) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Sitzung des Vorstandes der DPD in Frankfurt am Main,
3. 11. 1947, (v.l.n.r.): August Martin Euler (1908–1966, LDP Hessen), Thomas Dehler (1897–1967, FDP Bayern), Wilhelm Külz (1875–1948, LDP Sowjetische Besatzungszone), Wolfgang Haußmann (1903–1989, DVP Württemberg-Baden), Theodor Heuss (DVP Württemberg-Baden), Eberhard Wildermuth (1890–1952, DVP Württemberg-Hohenzollern), Carl-Hubert Schwennicke (1906–1992, LDP Berlin)
(Foto: DPA)


Der deutschlandpolitische Aktivismus Külz' im Gefolge der gesamtdeutschen Volkskongreßbewegung der SED und das Auseinanderdriften der Weltmächte im Kalten Krieg lassen Heuss' Bestrebungen jedoch zur Makulatur werden. Ende des Jahres bricht Heuss mit Külz, von dem er sich getäuscht sieht. Im Januar 1948 ist das Projekt einer gesamtdeutschen liberalen Partei endgültig gescheitert.

1948

Erscheinen von „1848. Werk und Erbe”

Die demokratischen Vorstellungen der Revolution von 1848/49 gelten als Heusssche Familientradition, da Großvater und Urgroßonkel von Theodor Heuss sich an der Revolution beteiligt haben. Für ihn selbst bedeutet diese generationenübergreifende demokratische Tradition zugleich auch die Legitimation seiner eigenen politischen Ambitionen. Darüber hinaus kommt es Heuss in seinen Reden, Artikeln und dem Buch „1848. Werk und Erbe” anlässlich der Hundertjahrfeier 1948 weniger darauf an, historische Fakten nachzuerzählen. Vielmehr legt er Wert darauf, die Grundideen der Revolution und ihre Bedeutung für das 20. Jahrhundert aufzuzeigen. Die für Heuss zentralen Ideen von 1848 sind dabei insbesondere die Durchsetzung der parlamentarischen Demokratie und eines einheitlichen Nationalstaats sowie die Verabschiedung einer Verfassung. Als vorbildlich beschreibt er außerdem den idealistischen Einsatz der Bevölkerung für diese Ziele.

1948

01.09.1948 Entsendung als Abgeordneter in den Parlamentarischen Rat nach Bonn

Vom 1. September 1948 bis zum 8. Mai 1949 tagt in Bonn auf Initiative der drei westlichen Alliierten (USA, England, Frankreich) der Parlamentarische Rat mit dem Ziel, eine Verfassung für die drei Westzonen auszuarbeiten. Am 23. Mai 1949 wird das Grundgesetz verkündet.

Faksimile des Grundgesetzes, das Theodor Heuss nach seiner Arbeit im Parlamentarischen Rat erhalten hat (Original, Familienarchiv Heuss, Basel) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Faksimile des Grundgesetzes, das Theodor Heuss nach seiner Arbeit im Parlamentarischen Rat erhalten hat (Original, Familienarchiv Heuss, Basel)


Theodor Heuss ist sich bewusst, dass er aufgrund seiner politischen Erfahrungen in der Weimarer Republik, seiner vom Nationalsozialismus unbelasteten Biographie und seiner Mitarbeit an der Verfassung von Württemberg-Baden 1946 für diese Aufgabe besonders qualifiziert ist. Seine Mitwirkung an den Beratungen sagt er im Vergleich zu seinen Bemühungen 1919, als er sich vergeblich um einen Sitz in der Nationalversammlung bemühte, dennoch eher zögerlich zu.

Im Parlamentarischen Rat setzt sich Heuss insbesondere für Fragen der nationalen Symbolik wie Name, Flagge und staatsrechtliche Ordnung des zukünftigen Staates ein. Der Name „Bundesrepublik Deutschland” geht ebenso auf seine Initiative zurück wie die Überlegung, dass es sich bei dem Grundgesetz nicht um ein Provisorium, sondern um eine vollwertige Verfassung handeln soll. Auch legt er Wert darauf, dass das Grundgesetz in einer für die Allgemeinheit verständlichen Sprache, nicht in juristischen Klauseln formuliert wird. Vor allem aber liegt sein Verdienst darin, zwischen den unterschiedlichen Positionen von CDU und SPD zu vermitteln und dem Grundgesetz die Zustimmung der beiden großen Parteien sowie der FDP zu sichern. Damit, so Heuss' Überzeugung 1948/49, werde sich das Grundgesetz auch in der deutschen Bevölkerung einer breiten Akzeptanz erfreuen.

1948

12.12.1948 Vorsitzender der FDP

Nach dem Scheitern des Versuchs einer gesamtdeutschen liberalen Partei zögern auch die Liberalen der Westzonen ihren Zusammenschluss wegen interner Spannungen zwischen einem nationalliberalen und linksliberalen Flügel noch beinahe ein Jahr hinaus, bis sie am 12. Dezember 1948 in Heppenheim die FDP gründen. Zusammenschluss der westdeutschen Liberalen zur FDP (Faksimile, Archiv des Liberalismus, P2-53) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-HausDie Delegierten wählen Heuss zum ersten Vorsitzenden – ein Amt, das er bis zu seiner Wahl zum Bundespräsidenten ausübt. Über den Personenkreis, dem die neue liberale Partei offen stehen soll, äußert er sich noch am selben Tag folgendermaßen: „Wir wollen bei uns die Menschen sammeln, die nicht etwas werden wollen, sondern die etwas sein wollen, nämlich sie selber, Menschen eigenen Wuchses und eigener Verantwortung. Wir brauchen in Deutschland den lebendigen Menschen, der nicht Opfer der Apparatur geworden ist und auch nicht bloßes Glied der Apparatur sein will, der die innere Entscheidung für den eigenen Lebensweg erhalten und nicht verlieren möchte” (Zeugnisse liberaler Politik. 25 Jahre F.D.P. Hg. v. Bundesvorstand der Freien Demokratischen Partei. Bonn 1973, S. 20).

Zusammenschluss der westdeutschen Liberalen zur FDP (Faksimile, Archiv des Liberalismus, P2-53)