Theodor Heuss

 

Biographische Daten: Kaiserreich

1884

Theodor Heuss – Lebensstationen 31.1.1884 Geburt

Familie Heuss, um 1885 Theodor-Heuss-HausAm 31. Januar 1884 wird Theodor Heuss in Brackenheim bei Heilbronn als dritter Sohn des Regierungsbaumeisters Louis Heuss und seiner Frau Elisabeth, geb. Gümbel, geboren.

Das bildungsbürgerliche Elternhaus, das sich väterlicherseits in der Tradition der Revolution von 1848/49 und des Linksliberalismus des Kaiserreichs sieht, vermittelt Heuss eine Offenheit für die kulturellen und politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit, die für sein weiteres Leben prägend sein sollte.

Familie Heuss, um 1885 (v.l.n.r.): Hermann (1882-1959), Elisabeth (1853-1921), Theodor (1884-1963), Louis (1853-1903) und Ludwig (1881-1932)
(Foto: Ch. Kohler, Familienarchiv Heuss, Basel)

1892

Eintritt ins humanistische Karls-Gymnasium

Theodor Heuss als Vierzehnjähriger, 1898 Theodor-Heuss-HausAufgrund einer Versetzung des Vaters nach Heilbronn zieht die Familie 1890 um. 1892 tritt Theodor Heuss in das Karls-Gymnasium ein, wo er sich geradezu spielerisch das literarische, kulturelle und historische Bildungsgut seiner Zeit aneignet.
Zwischen seinem 16. und 21. Lebensjahr hält er in einem  überlieferten Oktavheft mit über 800 Eintragungen seine Lektüre fest – eine Art Register einer europäischen Literaturgeschichte des späten 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus entwickelt sich sein politisches Interesse in der Auseinandersetzung mit der von Friedrich Naumann herausgegebenen Zeitschrift „Die Hilfe”. In den Artikeln dieser Zeitschrift wird das preußische Dreiklassenwahlrecht und die Schutzzollpolitik bekämpft sowie der deutschen Kolonialpolitik und einer Verständigung des Liberalismus mit der Sozialdemokratie das Wort geredet. Heuss' erste Veröffentlichung erscheint 1902 in der "Hilfe” über Wilhelm Busch.

Theodor Heuss als Vierzehnjähriger, 1898
(Foto: C. Kubica, Familienarchiv Heuss, Basel)

1902

Erste Begegnung mit Friedrich Naumann

Nach dem Abitur besucht Theodor Heuss im Rahmen einer Wanderung durch Norddeutschland den Parteitag der Nationalsozialen in Hannover und begegnet dort erstmals der Person, die seinen weiteren Lebensweg von nun an maßgeblich beeinflussen sollte.

Theodor Heuss und Friedrich Naumann vor der Redaktion der „Hilfe”

Friedrich Naumann (1860–1919) kommt politisch von der christlich-sozialen Bewegung des Hofpredigers Adolf Stöcker her, von deren Konservativismus und Antisemitismus er sich zunehmend distanziert. Beeinflusst von Max Weber gründet Naumann 1896 den Nationalsozialen Verein, der für eine Verbindung von sozialem und nationalem Gedankengut, von Demokratisierung der Monarchie und Weltmachtpolitik eintritt.
Vor allem befürwortet er eine Überbrückung der Kluft zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum, indem er das Bürgertum für die Bedeutung der sozialen Frage und die Arbeiterschaft für einen starken nationalen und monarchisch geführten Staat zu gewinnen sucht. In seinen politischen, sozialen und nationalen sowie wirtschaftlichen und ethischen Vorstellungen hat sich Heuss später immer wieder auf Naumann berufen.

Theodor Heuss und Friedrich Naumann vor der Redaktion der „Hilfe”
(Foto: Familienarchiv Heuss, Basel)

1902-
1905

Studium der Nationalökonomie in München und Berlin

Statt sein Studium – wie es für einen Schwaben seinerzeit üblich war – an der geistigen Neckarmetropole Tübingen zu beginnen, geht Theodor Heuss nach München, um u. a. bei dem Nationalökonomen Lujo Brentano, einem Naumann-Anhänger, zu hören. Klare Vorstellungen über seine Studienziele hat Heuss freilich noch nicht, belegt er doch neben Nationalökonomie auch Staatslehre, Philosophie, Historie, Kunstgeschichte und Literatur. Doch vor allem die sozialpolitisch orientierte Nationalökonomie Brentanos ist es, die auf den jungen Heuss Einfluss ausübt.


Im Fotoatelier mit den Freunden der Münchner Jahre, Karl Glass, Theodor Heuss, Gustav Stotz1903 wechselt Heuss zum Studium nach Berlin, vor allem um in Naumanns Nähe zu sein. Dort sammelt er bei den preußischen Landtagswahlen als Wahlkämpfer für Naumann erste Erfahrungen im politischen Alltagsgeschäft. 1904 nach München zurückgekehrt, schreibt er 1905 bei Brentano in wenigen Wochen seine Dissertation über „Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn a. N.” Noch vor dem Abschluss der Promotion kündigt sich eine zentrale Weichenstellung für Heuss' Leben an: Ihn erreicht der Ruf Naumanns aus Berlin, in die Redaktion seiner Zeitschrift „Die Hilfe” und damit in eine für bildungsbürgerliche Verhältnisse ungesicherte journalistische Existenz einzutreten.

Im Fotoatelier mit den Freunden der Münchner Jahre (v.l. oben n.r. unten):Karl Glass, Theodor Heuss, Gustav Stotz (Foto: Familienarchiv Heuss, Basel)

1905

Eintritt in die Redaktion der „Hilfe” in Berlin

1894 als christlich-soziales Blatt von Friedrich Naumann gegründet, entwickelt sich „Die Hilfe” in den kommenden Jahren in außenpolitischen Fragen zu einem Sprachrohr der Kolonial- und Weltpolitik, die

aber von gesellschaftlichen Reformen im Rahmen eines sozialen Kaisertums begleitet werden sollte. Dieser soziale Nationalismus der „Hilfe” findet mit dem Zusammenschluss mehrerer linksliberaler Parteien seit 1907 zunehmend Verbreitung im Bürgertum. Theodor Heuss ist zunächst beinahe ausschließlich für das literarische Beiblatt der Zeitschrift zuständig. Er schreibt überwiegend Feuilleton-Beiträge, die in ihrer allgemein verständlichen Art der volkspädagogischen Absicht Naumanns entsprechen. 1907 übernimmt Heuss auch die politische Redaktion der Zeitschrift und erörtert nun zunehmend grundsätzliche Themen wie das Verhältnis zur Sozialdemokratie und das preußische Dreiklassenwahlrecht, Parlamentarisierung der Reichsverfassung und Sozialpolitik, kaum hingegen Fragen der Außenpolitik. Der Schwerpunkt seiner Beiträge liegt aber weiterhin auf literarisch-künstlerischem Gebiet.
Zeitschrift Die Hilfe Theodor-Heuss-Haus Theodor Heuss
Die von ihm anvisierte Verbindung von Politik und Journalismus kann er in der „Hilfe” nur unvollkommen verwirklichen; dennoch wird in dieser Zeit der Grundstein für sein reiches journalistisches Berufsleben gelegt. Parallel neben der „Hilfe” publiziert Heuss in zahlreichen anderen Zeitschriften. Außerdem engagiert er sich parteipolitisch für den Linksliberalismus um Naumann.

Seine ersten journalistischen Sporen verdient sich Heuss bei der von Friedrich Naumann herausgegebenen Wochenschrift „Die Hilfe”. In der abgebildeten Ausgabe vom 22. 7. 1906 kommentiert Heuss unter der Überschrift „Die Demokratisierung des deutschen Südens” die Verfassungsreform im Königreich Württemberg. (Faksimile, SBTH)

1906

Kunstgeschichtliche Bildungsreise nach Paris

Eine der ersten größeren Auslandsreisen führt Theodor Heuss für drei Wochen nach Paris, wo er sich unter kunstgeschichtlichen und kulturellen Aspekten die französische Hauptstadt erschließt. Neue Eindrücke und Erkenntnisse werden von ihm auf Ansichtskarten und in kurzen Briefen an Freunde oder Verwandte notiert und beeindruckende Beobachtungen und Impressionen auf dem Zeichenblock festgehalten.
Theodor Heuss: Paris, Kreide auf Papier, 28.8.1925 Stiftung Theodor-Heuss-Stiftung
So schreibt er an die Freundin Lulu von Strauß und Torney am 2. Juni 1906 aus Paris: „Seit über 14 Tagen fahr ich hier herum, lauf durch die Kirchen und Museen und stopfe meinen armen Kopf mit Eindrücken voll. Paris ist eine unvergleichliche Stadt: Architektur, Anlage, Menschen, alles mit einem gewissen großen und imponierenden Stil” (Theodor Heuss – Lulu von Strauß und Torney. Ein Briefwechsel, Düsseldorf/Köln 1965, S. 95).

Theodor Heuss: Paris, Kreide auf Papier, 28. 8. 1925 (Faksimile: Familienarchiv Heuss, Basel)


Schon als Jugendlicher hat Heuss Teile Deutschlands erwandert. Als junger Redakteur beginnt er damit, seine Studienreisen in die europäischen Nachbarländer auszuweiten. Zur Finanzierung dieser Reisen verfasst Heuss kleinere Artikel und Reiseskizzen, die er in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Seine „Pariser Eindrücke” erscheinen wenige Monate später in „Patria”, dem Jahrbuch der „Hilfe”.

In den kommenden Jahren unternimmt Heuss weitere Reisen nach Belgien (1907/1910), in die Schweiz (1908), nach Italien (1909/1913/1939), England (1911), Österreich (1912), Dänemark (1918/1926), Griechenland (1931) sowie auf den Balkan (1928).

1907

Erfolgreicher Reichstagswahlkampf für Friedrich Naumann in Heilbronn

Portrait Friedrich Naumann (1860–1919) Stiftung-Theodor-Heuss Theodor HeussNoch vor dem Ersten Weltkrieg nimmt Heuss vier Mal aktiv an Wahlkämpfen teil. Bei seinen Wahlreden in zahllosen Dorfgaststätten, Turnhallen und Versammlungssälen wird er mit den Besonderheiten sowohl kleinstädtisch-ländlicher als auch großstädtisch-proletarischer Milieus konfrontiert; in zahlreichen Briefen an Elly Knapp berichtet er anschaulich von seinen Erlebnissen und den damaligen Methoden der Wählergewinnung. Im Reichstagswahlkampf 1906/7 kann er zusammen mit Münchner Freunden Friedrich Naumann im heimatlichen Wahlkreis Heilbronn zum Sieg verhelfen.

Friedrich Naumann (1860–1919)
(Foto: E. Bieber, Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz)

1908

Hochzeit mit Elly Knapp in Straßburg

Elly Knapp und Theodor Heuss im Winter 1905/06 in Berlin FotoFamilienarchiv Heuss, Basel Stiftung Theodor-Heuss-HausIm Haus von Friedrich Naumann begegnet Theodor Heuss 1905 der drei Jahre älteren Elly Knapp (1881-1952), die in Berlin Volkswirtschaft studiert. Sie stammt aus einer hochangesehenen Professorenfamilie, die verwandtschaftliche Beziehungen zu Justus von Liebig, Adolf Harnack und Hans Delbrück unterhält. Ellys Vater, Georg Friedrich Knapp, lehrt als Professor für Nationalökonomie in Straßburg.

Elly absolviert 1899 das Lehrerinnenexamen. Anschließend erteilt sie Unterricht in einer von ihr gegründeten Privatschule und hält zahlreiche Vorträge zu sozialen und Frauenfragen. Publizistisch wirkt sie u. a. in der „Hilfe” von Naumann mit, den sie schon 1903 kennengelernt hatte. Mit Heuss verbindet sie von Anfang an die Bewunderung für die Person und Politik Naumanns. Friedrich Naumann ist es auch, der anlässlich der Hochzeit von Theodor Heuss und Elly Knapp am 11. April 1908 die Tischrede hält. Die Trauung selbst nimmt keiner Geringerer als Albert Schweitzer vor, ein Jugendfreund der Braut.

Elly Knapp und Theodor Heuss im Winter 1905/06 in Berlin
(Foto: Familienarchiv Heuss, Basel)

1910

Geburt des Sohnes Ernst Ludwig

Am 5. August 1910 bekommen Elly Heuss-Knapp und Theodor Heuss ihr einziges Kind, Ernst Ludwig. Die schwierige Geburt hätte der Mutter fast das Leben gekostet.

Ernst Ludwig Heuss studiert Jurisprudenz, kann aber zu Beginn des „Dritten Reiches” nicht mit einer Aufnahme in den juristischen Dienst rechnen, da er wie auch seine Eltern dem Nationalsozialismus offenkundig ablehnend gegenübersteht. So tritt er in den Kaufmannsberuf ein und wird nach Kriegsbeginn schließlich Leiter in der „Reichsstelle Leder”. Als Gegner des Nationalsozialismus hilft er in dieser Zeit zahlreichen Unterdrückten und Verfolgten.

Familie Heuss: Elly und Theodor Heuss mit ihrem Sohn Ernst Ludwig (1910–1967), um 1911 Foto: Familienarchiv Heuss, Basel Theodor-Heuss-Haus StiftungEr schließt sich dem Widerstandskreis um Fritz Elsas an, mit dem er über seinen Vater bekannt wird. In den Schlusswirren des Krieges befreit er in einer waghalsigen Aktion politische Gefangene aus dem Berliner Gefängnis Moabit und schützt das Haus der Eltern vor Brand und Plünderung.

Nach dem Krieg wird er Chef der Wybert GmbH in Lörrach, später auch der Gaba AG in Basel.
Er stirbt am 14. Februar 1967.

Familie Heuss: Elly und Theodor Heuss mit ihrem Sohn Ernst Ludwig (1910–1967), um 1911 (Foto: Familienarchiv Heuss, Basel)

1912

Übernahme der Chefredaktion der „Heilbronner Neckar-Zeitung”

Seitdem 1902 der Naumann-Anhänger Ernst Jäckh die Chefredaktion der „Neckar-Zeitung” übernommen hatte, bestand eine enge Verbindung zu Friedrich Naumann, den das Blatt im Wahlkampf 1907 massiv unterstützt. Als Jäckh in die Geschäftsführung des Werkbundes nach Berlin berufen wird, tritt Theodor Heuss 1912 dessen Nachfolge als Chefredakteur der "Neckar-Zeitung" an, für die er schon von Berlin aus regelmäßig geschrieben hat.

Faksimile, Württembergische Landesbibliothek Stiftung Theodor-Heuss-Haus Stuttgart

Als Chefredakteur der Neckar-Zeitung berichtet Heuss am 29. Juni 1914 über die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaars in Sarajewo. Bis dahin waren bei dem Blatt weder Schlagzeilen noch Abbildungen üblich. (Faksimile, Württembergische
Landesbibliothek)


Der Schwerpunkt von Heuss' journalistischer Tätigkeit liegt auf tagespolitischen Fragen, die zumeist in Leitartikeln abgehandelt werden. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges schwenkt die Zeitung ganz auf den als gerecht empfundenen Krieg ein. Mit nationalem Pathos kommentiert Heuss täglich das Kriegsgeschehen.

In der innenpolitischen Reformdebatte redet er seit 1917 – noch ganz im Banne der Burg-frieden-Politik – einer zurückhaltenden Parlamentarisierung das Wort und lehnt eine Entmachtung des Kaisers zugunsten des Reichstags ab. Zunehmend unzufrieden mit seiner Arbeit als Chefredakteur folgt Heuss zum Jahr 1918 dem Ruf des Deutschen Werkbund nach Berlin.

1912

Erfolglose Kandidatur in Backnang für den württembergischen Landtag

Wahlanzeige für Heuss bei den Wahlen zum württembergischen Landtag Theodor-Heuss-Haus Stiftung StuttgartKaum nach Heilbronn umgezogen, kandidiert Theodor Heuss im Herbst 1912 im Wahlkreis Backnang für ein Mandat im Landtag des Königreichs Württemberg. Doch im entscheidenden zweiten Wahlgang unterliegt er gegen den Kandidaten des konservativen württembergischen Bauernbundes. Den bürgerlichen und bäuerlichen Wählern Backnangs ist Heuss zu jung und zu links – und wohl als frisch aus Berlin Zugereister ohnehin suspekt.

Wahlanzeige für Heuss bei den Wahlen zum württembergischen Landtag 1912 Backnanger Volksfreund, 16.11.1912 (Faksimile: Württembergische Landesbibliothek.)

1913

Übernahme der Redaktion des „März”

Faksimile, der Zeitschrift „März“Auf Vorschlag des Stuttgarter Demokraten Conrad Haußmann übernimmt Theodor Heuss 1913 die Schriftleitung der politisch-literarischen Zeitschrift „März”, die 1907 u. a. von Ludwig Thoma und Hermann Hesse gegründet wurde. Unter dem Einfluss von Haußmann und Heuss entwickelt sich das Blatt zu einer national-liberalen Wochenschrift, die Kräfte aus Politik, Literatur und Kunst um sich sammelt.

Für die Zeitschrift „März” schreiben prominente Schriftsteller wie Ludwig Thoma oder solche, die es, wie Kurt Tucholsky, bald werden sollten. (Faksimile, SBTH)


Bis 1914 tritt die Zeitschrift für eine deutsch-französische Verständigung, Parlamentarisierung und Demokratisierung ein und versucht, der weitverbreiteten Kriegspsychose entgegenzutreten. Nach 1914 wird der „gerechte Krieg” zentrales Thema, doch der literarische Teil unter dem Einfluss Hesses sorgt für eine distanzierte Haltung zum Kriegsgeschehen. Heuss selber publiziert in dieser Zeit überwiegend Beiträge zu Kunst und Literatur, wobei die Themenauswahl sich oftmals am Krieg orientiert. Eingriffe der Zensur erschweren die Arbeit der Zeitschrift, schließlich muss der „März“ infolge eines fortschreitenden wirtschaftlichen Niedergangs sein Erscheinen im Jahr 1917 einstellen.

1914-
1918

Kommentator des Krieges

Theodor Heuss: Hermann Hesse, der „vaterlandslose Gesell”, in: Neckar-Zeitung, 1.11.1915 Theodor-Heuss-Haus StuttgartAufgrund einer 1902 zugezogenen Schulterverletzung bleibt Theodor Heuss das generationenspezifische Kriegserlebnis erspart. Stattdessen kommentiert er als Redakteur zweier Blätter regelmäßig das Kriegsgeschehen und stimmt 1914 in den Chor der nationalen Begeisterung mit ein: „Der Ausgang des Krieges muß nicht nur die Überlegenheit unserer militärischen Technik, sondern auch die sittliche Kraft und das moralische Recht des Deutschtums im Herzen Europas erweisen” (März, 8. Jg./Nr. 34 vom 15.8.1914, S. 224).

Theodor Heuss: Hermann Hesse, der „vaterlandslose Gesell”, in: Neckar-Zeitung, 1. 11. 1915 (Faksimile, Stadtarchiv Heilbronn)


Der Deutschland vermeintlich aufgezwungene Krieg rechtfertigt für Heuss auch die Verletzung der belgischen Neutralität. Noch 1917 heißt er den von deutscher Seite erklärten uneingeschränkten U-Boot-Krieg gut. Einen Frieden ohne Grenzverschiebungen lehnt Heuss ab, befürwortet er doch im Sinne des Naumannschen Mitteleuropakonzepts eine Zurückdrängung Russlands und eine Einbeziehung der östlichen „Zwischenvölker” in eine mitteleuropäische Staatsgruppe unter deutscher Vorherrschaft. Die chauvinistisch übersteigerte Kriegshysterie teilt Heuss' liberaler „Föderativimperialismus” freilich nicht. Verfassungs- und gesellschaftspolitisch geht Heuss von der Reformfähigkeit des wilhelminischen Staates aus. Im Zeichen der Burgfrieden-Politik scheut er grundsätzliche Kritik an der Monarchie, die er als Symbol einer zentralistischen Reichseinheit befürwortet.

Zurückhaltender als vor dem Krieg fordert er seit 1917 eine Demokratisierung im Rahmen eines Volkskaisertums, ohne freilich die Regierung in Abhängigkeit vom Parlament bringen zu wollen.

„... der vaterlandslose Gesell” Als bekannt wird, dass sich Hermann Hesse 1915 in einem Brief an den dänischen Schriftsteller Sven Lange von der Kriegseuphorie in Deutschland distanziert hat, beginnt eine Pressekampagne gegen den schwäbischen Dichter. Heuss nimmt Hesse in der Neckar-Zeitung vor der Beschimpfung als „Vaterlandsverräter” in Schutz.

1918

Übernahme der Geschäftsführung des Deutschen Werkbundes und der Schriftleitung der Zeitschrift „Deutsche Politik” in Berlin

Teilansicht der Stuttgarter Weißenhofsiedlung vom Höhenrestaurant aus, Januar 1930 Theodor-Heuss-Haus Theodor Heuss Stiftung
Das Jahr 1918 markiert für Theodor Heuss in politischer und persönlicher Hinsicht einen tiefen Einschnitt. Im Januar 1918 beendet er seine sechsjährige Tätigkeit als Chefredakteur der Neckar-Zeitung, um in Berlin die Schriftleitung der 1916 gegründeten Zeitschrift „Deutsche Politik” zu übernehmen.

Teilansicht der Stuttgarter Weißenhofsiedlung vom Höhenrestaurant aus, Januar 1930
(Foto: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, Stuttgart)


Diese Wochenschrift für deutsche „Welt- und Kulturpolitik” erörtert überwiegend außenpolitische Fragen und propagierte einen gemäßigt imperialistischen Kurs, wofür sie auch namhafte Wissenschaftler als Autoren gewinnt. Als die Zeitschrift 1922 ihr Erscheinen aus wirtschaftlichen Gründen einstellen muss, übernimmt Heuss im Mai desselben Jahres die Redaktionsleitung der 1919 gegründeten politischen Monatsschrift „Die Deutsche Nation”, zu deren Herausgebern Conrad Haussmann und Kurt Riezler er freundschaftliche Beziehungen unterhält. Beide Zeitschriften stehen der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) nahe.

Mit dem Wechsel nach Berlin ist vor allem auch der Eintritt in die Geschäftsführung des Deutschen Werkbundes verknüpft. Im Werkbund haben sich 1907 Architekten, Künstler, Handwerker und Industrielle zusammengeschlossen, um sich für ästhetisch ansprechende, qualitativ hochwertige Produkte der industriellen und handwerklichen Fertigung einzusetzen.

Heuss, der bereits kurz nach der Gründung des Werkbundes Mitglied geworden ist, gehört von 1918 bis 1921 der Geschäftsleitung, von 1924 bis zur „Gleichschaltung” des Bundes im Jahr 1933 dem Vorstand an. Von Heuss' lebhaftem Interesse an Fragen der Architektur und Gebrauchsästhetik zeugen seine zahlreichen Essays zur Entwicklung der Baukunst ebenso wie seine öffentlichen und verbandsinternen Stellungnahmen zu den umstrittenen Zielsetzungen des Werkbundes.

1918

Eintritt in die DDP

Um sich am demokratischen Neuaufbau zu beteiligen, tritt Theodor Heuss sogleich der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei, die am 20. November 1918 von Friedrich Naumann gegründet wird. Neben den Sozialdemokraten und dem katholischen Zentrum gehört sie zu den drei entschieden republiktreuen Parteien der Weimarer Zeit.