Theodor Heuss

 

Zitate

Theodor Heuss hat sich zeit seines Lebens zu zahlreichen Themen geäußert, oft ausführlich, aber immer wieder auch pointiert. So sind unzählige Zitate von ihm überliefert, die Auskunft geben über seine politische Haltung als liberaler Demokrat, über seine Ansichten zu Themen der Zeit oder über seine menschliche Seite. Viele dieser Aussagen sind auch heute noch aktuell und sprechen uns unmittelbar an.

Diese Zitate kursieren in Büchern, Zeitungen und zunehmend im Internet. In vielen Fällen ist die Zuverlässigkeit nicht gewährleistet, und es fehlt ein korrekter Nachweis. Aus diesem Grund hat die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus aussagekräftige Zitate zu bestimmten Themen zusammengestellt, überprüft und mit genauen Nachweisen versehen. Diese Zitatsammlung ist „work in progress“ und wird von der Stiftung regelmäßig erweitert. Auch die Besucherinnen und Besucher unserer Homepage sind eingeladen, weitere Zitate mit entsprechenden Nachweisen per E-Mail an die Stiftung zu senden: zitate@stiftung-heuss-haus.de. Nach einer Überprüfung wird die Stiftung diese dann online stellen.

 

Freiheit

 

„Innere Freiheit ist alles.”

Brief an Elly Knapp (23.7.1907), in: Theodor Heuss / Elly Knapp: So bist du mir Heimat geworden. Eine Liebesgeschichte in Briefen aus dem Anfang des Jahrhunderts, hg. v. Hermann Rudolph, Stuttgart 1986, S. 275.

 

 

„[…] die äußere Freiheit der Vielen lebt aus der inneren Freiheit der Einzelnen.”

Rede „Formkräfte einer politischen Stilbildung“ (1952), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 221.


„Ohne die bürgerliche Freiheit könnten wir nicht atmen [...]”

Rede zum Gründungsparteitag der Deutschen Staatspartei, Hannover (8.11.1930), in: Die Hilfe 47 (1930), S. 1156.



„[…] daß die Worte Demokratie und Freiheit nicht bloß Worte, sondern lebensgestaltende Werte sind […]”

Antrittsrede vor der Bundesversammlung (12.9.1949), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 88.



„Und um die Freiheit geht es! Um die Freiheit des Menschen, um die Freiheit der Menschen. Freiheit des Menschen, in seinem politischen, in seinem religiös-kirchlichen Bekenntnis, daß er von Angst und Bedrängnis befreit den Sinn seines Lebens selber suchen und zu erfüllen trachten könne. Freiheit der Menschen zu ihrer gemäßen, zu der ihnen gemäßen Gestaltung der öffentlich rechtlichen Regelung ihres Gemeinschaftslebens.”

Rede „Um die Freiheit“ (21.6.1953), anlässlich des 17. Juni, in: Ralf Dahrendorf / Martin Vogt (Hg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 416.

 

Demokratie

 

„[…] daß die Worte Demokratie und Freiheit nicht bloß Worte, sondern lebensgestaltende Werte sind […]”

Antrittsrede vor der Bundesversammlung (12.9.1949), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 88.


„Ich bin Demokrat, nicht aus Haß der Junker, sondern weil ich glaube, daß Deutschland, das industriell werdende Sechzigmillionenvolk, die Demokratie braucht wie das tägliche Brot und den Segen Gottes, wenn es in der Weltgeschichte und Weltwirtschaft vorwärts kommen will.”

Brief an Lulu von Strauß und Torney (14.1.1909), in: Theodor Heuss: Briefe 1892-1917, hg. u. bearb. v. Frieder Günther, München 2009, S. 278.


„Die Deutschen müssen bei dem Wort Demokratie ganz vorn anfangen im Buchstabieren, auch wenn sie sich heute Demokraten nennen.”

Rede „Um Deutschlands Zukunft“ (18. 3. 1946), in: Theodor Heuss: Aufzeichnungen 1945-1947, Stuttgart 1966, S. 207.


„Man muß das als gegeben hinnehmen: Demokratie ist nie bequem.”

Rede „Kräfte und Grenzen einer Kulturpolitik“ (17.5.1951), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 154.


„Zum wirksamen Staat gehört, daß er Gehorsam erreiche, sei es durch Zwang oder Gewalt gegen seine Glieder, sei es durch freiwillig geübten Brauch. Das gilt für eine Tyrannis so gut wie für eine demokratische Republik. Auch eine Tyrannis kann eine Wohltat sein, ist es gewesen und als solche empfunden worden; nicht jede demokratische Republik kann dies von sich sagen.”

Theodor Heuss: Staat und Volk, Berlin 1926, S. 42.


„Demokratie und Parlamentarismus sind keine Heilsverkündigungen und keine absoluten Rezepte gegen die Krankheiten dieser Welt; es sind geschichtliche Formen der staatlichen Willensbildung, historisch bedingt, wesentlich durch die pädagogischen Kräfte der Selbstverantwortung, die ihnen eigentümlich.”

Aus Heuss‘ Beitrag „Demokratie und Parlamentarismus, ihre Geschichte, ihre Gegner und ihre Zukunft”, in: Anton Erkelenz (Hg.): Zehn Jahre Deutsche Republik. Ein Handbuch für republikanische Politik, Berlin 1928, S. 112.


„Auch Demokratie ist keine Zauberformel für die Nöte der Welt; die gibt es auch in der Demokratie. Demokratie heißt auch nicht nur Wählerstatistik und ist nicht nur ein Rechenverfahren, sondern im Elementaren die Anerkennung eines freien Menschentums, das auch im Gegner der Partner sieht, den Mitspieler.”

Rede „Um Deutschlands Zukunft“ (18.3.1946), in: Theodor Heuss: Aufzeichnungen 1945-1947, Stuttgart 1966, S. 206f.


„Demokratie heißt nicht Massenherrschaft, sondern Aufbau, Sicherung, Bewährung der selbstgewählten Autoritäten. Man mag noch so demokratisch denken, die politische Exekutive, die Gesetzgebung und die Verwaltung müssen so verankert werden, daß sie persönlicher Verantwortung und Leistungsfreude Lockung bleiben […]”

Artikel „An der Jahreswende 1918/1919“, in: Hans-Heinrich Welchert (Hg.): Theodor-Heuss-Lesebuch, Tübingen 1975, S. 88.


„Und was heißt Demokratie als Lebensform? Doch nur dies: dem Menschen, gleichviel wer er sei und woher er käme, als Mensch zu begegnen.”

Rede in Heilbronn beim Richtfest des Rathauses auf dem Marktplatz (16.9.1950), in: Stadtarchiv Heilbronn, Signatur ZS 10743 Heuss, Theodor.


„[…] das ‚ohne mich’ aber ist die Zerstörung aller demokratischen Gesinnung, die im Wesenhaften auf dem ‚mit mir‘, ‚mit dir‘ ruht.”

Rede „Soldatentum in unserer Zeit“ (12.3.1959), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 283f.


„Eine gute Tat, ein gesunder Gedanke, eine notwendige Entscheidung können an zu viel[en] Sitzungen krank werden und sterben.”

Demokratie und Selbstverwaltung, Berlin 1921, S. 20.


„Demokratie ist nicht bloß Stimmenzählen, sondern ein Verhalten, das im Ringen um Macht und Führung den anderen zu respektieren weiß.”

Erziehung zur Demokratie. Rundfunkansprache als Kultminister von Württemberg-Baden, 3.10.1945, in: Schicksal und Aufgaben. Reden von Ministerpräsident für Nordwürttemberg und Nordbaden Dr. Reinhold Maier und Kultminister Dr. Theodor Heuss, Stuttgart o.J., S. 20.


„Herrschaftslose Demokratie ist eine unstaatliche und verschwommene Vorstellung. Jeder Staat ist ein System von Befehlsgewalt und Gehorsamsanspruch. Der Schlüsselpunkt seines Wesens liegt dabei aber […] in dem Anspruch und der Behauptung eines souveränen Volkswillens.”

Das Wesen der Demokratie, Berlin 1930, S. 1.


„Auch in der Demokratie ist der Staat ein Herrschaftselement mit Befehlsgewalt und Gehorsamsanspruch. [...] Demokratie ist Herrschafts-Auftrag auf Frist. Das Entscheidende der Demokratie ist in dem funktionalen Leben der Kritik die Kündbarkeit der Herrschaft, das Kündigungsrecht, das beim Volke liegt.”

Rede vor der verfassunggebenden Landesversammlung für Württemberg-Baden (18.7.1946), in: Quellen zur Verfassung von Württemberg-Baden, bearb. v. Paul Sauer, Stuttgart 1997, S. 50.


„Der Mehrheitsgedanke dient zuvörderst einer technischen Funktion, einem Zwang zur Entscheidung. [...] Das Fruchtbare des Prinzips ist dies, daß ihm die Chance auf eine legitime Selbstkorrektur eingebaut ist, daß Minderheiten von heute die Aussicht besitzen, die Mehrheiten von morgen zu werden.”

Beitrag „Demokratie und Parlamentarismus, ihre Geschichte, ihre Gegner und ihre Zukunft“, in: Anton Erkelenz (Hg.): Zehn Jahre Deutsche Republik. Ein Handbuch für republikanische Politik, Berlin 1928, S. 100.


„[…] es geht bei der Gestaltung eines demokratischen Staates um die Legitimierung der führenden Organe durch einen gestuften Volkswillen, von dem jeder einzelne eine Partikel ist, aber nun eben eine bewußte und mitverantwortliche.”

Abschied von der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland (1959), in: Ralf Dahrendorf / Martin Vogt (Hg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 514.


„Das Volksbegehren, die Volksinitiative, in den übersehbaren Dingen mit einer staatsbürgerlichen Tradition wohltätig, ist in der Zeit der Vermassung und Entwurzelung, in der großräumigen Demokratie die Prämie für jeden Demagogen […]”

Rede vor dem Parlamentarischen Rat (9. 9. 1948), in: Theodor Heuss: Vater der Verfassung. Zwei Reden im Parlamentarischen Rat über das Grundgesetz 1948/49, hg. u. bearb. v. Ernst Wolfgang Becker, München 2009, S. 63.


„Sie [die Demokratie] ist anspruchsvoller an Wissen und Gewissen des einzelnen; der Totalitarismus mag und wird, trivial gesprochen, unbequem für sehr viele sein, aber er ist denkbequem für alle.”

Rede „Formkräfte einer politischen Stilbildung“ (1952), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 219.


„Die Demokratie hat im Recht und in der Wirtschaft die eine ethische Forderung, daß kein Mensch zum Mittel in der Hand eines anderen werde, sondern daß er seinen Wert und seine freie Würde als Selbstzweck und Träger von Persönlichkeitswerten hat.”

Rede auf dem Parteitag der Deutschen Demokratischen Partei (14.12.1920), in: Bericht über die Verhandlungen des 2. Ordentlichen Parteitages der DDP, hg. v. d. Reichsgeschäftsstelle der DDP, Berlin 1921, S. 229.


„Die Demokratie aber als Gesinnungskraft und Lebensform lebt aus dem Ehrenamt. [...] Aber der besoldete ‚Funktionär‘ wird zur Maschine des Macht- und Interessenkampfes, wenn seine Arbeit nicht getragen wird von den vielen Freiwilligkeiten. Denn sie sind die Heimat und der Nährboden eines demokratischen Lebensstils, nicht die Büros, in denen man Befehle oder Anweisungen entwirft oder empfängt oder weitergibt.”

Rede „Formkräfte einer politischen Stilbildung“ (2.5.1952), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 222.


„Aber es ist etwas bei uns zu reichlich geblieben, an die Staatsallmacht und die Staatspflicht zu glauben. Das aber ist eine Gefährdung des Ethos, des Stiles der Demokratie [...]. Denn die Demokratie lebt nur aus dem Ehrenamt und nicht bloß im kommunalen Bereich. Wenn man an die Entwicklung der Arbeiterbewegung, der Frauenbewegung, der Jugendbewegung, auch der Parteien in ihrer Frühzeit denkt, sie waren vom individuellen Opfer einzelner getragen.”

Rede „Stilfragen der Demokratie“ (1955), in: Ralf Dahrendorf / Martin Vogt (Hg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 464.


 

Nation

 

Die Nation wird der Ausgangspunkt und das Ziel aller Politik bleiben, sei es in der inneren Gestaltung des öffentlichen Aufbaus, der dauerhafter Grenzen bedarf, sei es im Verhältnis der Staaten untereinander.

Theodor Heuss: Die neue Demokratie. Berlin 1919, S. 28.

 

 

Während die Demokratie als System der Gewaltenordnung überall stark an den Gesellschaftsaufbau und die historischen Vorbedingungen gebunden ist und darum vielerlei Spielarten entwickeln mußte, hat die Wertung des Nationalen den Hauch des Unbedingten.

Theodor Heuss: Staat und Volk, Berlin 1926, S. 272.


Weder der vaterländische Sinn noch das Nachdenken über die deutsche Entwicklung sind ein parteipolitisches oder weltanschauliches Monopol.

Artikel „Die deutsche Presse“, in: Die Hilfe 20 (16. 10. 1933), S. 508.

 

Parteien

 

Eine Politik ohne Parteien erschien Theodor Heuss wie „ein Stammtisch für alkoholfreien Wein oder ein Raucherclub für nikotinfreie Zigarren.”

Brief an Max Hildebert Boehm (19. 1. 1948), in: Theodor Heuss: Erzieher zur Demokratie, Briefe 1945–1949, hg. u. bearb. v. Ernst Wolfgang Becker, München 2007, S. 342.


„Eine gute Politik ist viel wichtiger als ein schönes Programm, das aussehen mag wie die Auslese in einem Konditorladen – ein einfaches und kräftiges Hausbrot ist bekömmlicher.”

Theodor Heuss: Unsere deutsche Mission. Aus der Rede beim Gründungstag der FDP am 12. Dezember 1948 in Heppenheim, in: Zeugnisse liberaler Politik. 25 Jahre F.D.P. (1948–1973), hg. v. Bundesvorstand der FDP, Bonn 1973, S. 14–20, hier S. 15.


„In Parteien vollzieht sich die ewige Anpassung zwischen Volksbreite und Staatshöhe. Sie bilden das Röhrensystem, in dem die dynamischen Veränderungen des politischen Volkskörpers korrespondieren.”

Das Wesen der Demokratie, Berlin 1930, S. 9.


 

Politik   

 

„Es gibt in der Politik keine absoluten Wahrheiten, sondern fast nur Relationen.”

Brief an Lulu von Strauß und Torney (14.1.1909), in: Theodor Heuss: Briefe 1892–1917, hg. u. bearb. v. Frieder Günther, München 2009, S. 278.



„Politik und Geschäft sind nicht das Gleiche, doch es gibt seelische Haltungen, die ihnen gemeinsam sind. Grundsätzliches Mißtrauen aber ist allem Leben gegenüber notwendig unfruchtbar.”

Reichstagsrede aus Anlass des deutschen Beitritts zum Völkerbund, 27.1.1926, in: Verhandlungen des Reichstags, Bd. 388, stenographische Berichte, Berlin 1926, S. 5178.



„Die Politik wartet auf den Geistigen. Sie ist zwar nicht so völlig vom Geist verlassen, wie ihre feuilletonistischen Kritiker vermeinen; es kommt nur darauf an, auch in den Machtkämpfen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens das Ringen eines Geistigen oder Moralischen um seine Gestaltung zu spüren. Sie bietet sich jedem Tätigen und Wollenden als Feld an.”

Artikel „Die Politisierung des Literaten“ aus der Zeitung „Das literarische Echo“, 1.3.1916, in: Hans-Heinrich Welchert (Hg.): Theodor-Heuss-Lesebuch, Tübingen 1975, S. 45. 



Mir schien es immer ein böses Zeichen, daß es für den englischen Begriff der ‚Fairneß‘ im Deutschen keine rechte Übersetzung gibt. Der Gegner wurde hier gleich der Feind.” 

Erziehung zur Demokratie, Rundfunkansprache von Kultminister Dr. Theodor Heuss vom 3. Oktober 1945, in: Schicksal und Aufgaben. Reden von Ministerpräsident für Nordwürttemberg und Nordbaden Dr. Reinhold Maier und Kultminister Dr. Theodor Heuss, Stuttgart o.J., S. 21.

 

Presse

 

Die Bedeutung der Presse im politischen Leben kann, zum Guten und Bösen, kaum überschätzt werden; sie muss um so stärker sein, je mehr die Politik auf dem Boden der Demokratie ruht und ihre Gesamthaltung, wenn nicht unmittelbar von der Volksmeinung bestimmt, so doch mit ihr stark zu rechnen hat.

Theodor Heuss: Politik. Ein Nachschlagebuch für Theorie und Geschichte, Halberstadt 1927, S. 162. 

 

Liberalismus

 

„Dem Liberalismus fehlt die aus seinem eigentlichen Wesen quellende, verbindliche Staatsidee [...]. Denn der konsequente Liberalismus denkt vom Staat überhaupt skeptisch; was er ihm an Zwecken zuweist, hat immer ein wenig den Charakter einer leider nicht vermeidbaren Konzession an das Unumgängliche.”

Beitrag „Demokratie und Parlamentarismus, ihre Geschichte, ihre Gegner und ihre Zukunft“, in: Anton Erkelenz (Hg.): Zehn Jahre Deutsche Republik. Ein Handbuch für republikanische Politik, Berlin 1928, S. 102.

 

„Die Menschenseele ist ein absoluter Wert, die Menschenwürde ein nicht zu kränkendes Gut. Gegen die Zwangsgewalten des historischen Staates [...] setzt der Liberalismus den Katalog der geistigen und organisatorischen Freiheiten: Glauben und Gewissen, Rede und Schrift, Versammlung und Vereinigung, Niederlassung, Berufswahl, Geschäftsführung sollen frei sein und der Staat erschöpft darin seinen Sinn, daß er diese Freiheiten gewähre und sichere.”

Beitrag „Demokratie und Parlamentarismus, ihre Geschichte, ihre Gegner und ihre Zukunft“, in: Anton Erkelenz (Hg.): Zehn Jahre Deutsche Republik. Ein Handbuch für republikanische Politik, Berlin 1928, S. 102.

 

„Man ist freilich heute etwas unsicher, ob man das Wort Liberalismus überhaupt in den Mund nehmen soll. Es ist durch den Nationalsozialismus stark in Mißkredit gebracht, so daß auch viele frühere Liberale sich nicht recht an das Wort herantrauen. [...] Sozialismus hat die Zeit viel besser [...] überstanden, wenn freilich es durch vielfachen Gebrauch von mannigfacher Seite auch ziemlich ramponiert wurde. Heute versichern sehr, sehr viele Leute, daß sie Sozialisten seien, ohne daß sie in der Lage wären, zu sagen, was sie sich darunter vorstellen. Kaum ein Wort liegt heute so auf dem Markt herum.”

Rede „Bindung und Freiheit“ (6.1.1946), in: Theodor Heuss: Aufzeichnungen 1945-1947, Stuttgart 1966, S. 176.

 

 

 

„Wir wollen das Wort ruhig gebrauchen und einige geschichtliche Dinge dazu sagen. Ohne Liberalismus keine deutsche Einheit. Denn in der liberalen geistigen Bewegung erfolgte die Sprengung der staatlichen Partikularismen. Ohne Liberalismus keine Entwicklung zum rechtsstaatlichen Denken. Was der Verlust des Rechtsstaats bedeutet, haben uns die zwölf Jahre hinter uns gelehrt. Ohne Liberalismus keine Besitz- und Arbeitsfreiheit des deutschen Bauern [...], ohne Liberalismus kein Aufstieg aus Handwerk zu Industrie.”

Rede „Bindung und Freiheit“ (6.1.1946), in: Theodor Heuss. Aufzeichnungen, 1945-1947, Stuttgart 1966,  S. 179.

 

 

„Ich selber stehe ja der Vokabel ‚liberal‘ mit Zurückhaltung gegenüber, da sie mir ein bißchen zu belastet worden ist mit reiner Wirtschaftstheorie und leicht die Färbung des Lässigen bekommen hat. Ich suche den wagenden und den sich selbst behauptenden Menschen, der zugleich in der breiten Verantwortung und Gebundenheit steht.”

Brief an Fred Heining (27.12.1948), in: Theodor Heuss: Erzieher zur Demokratie, Briefe 1945-1949, München 2007, S. 452. 

 

 

Eine liberale Partei wird nie eine einfache Schablone ertragen können. Sie wird verschiedene Dialekte und verschiedene Tonarten in sich dulden müssen, ihr Reichtum muß es sein, selbständige, unabhängige Männer und Frauen unter ihren Gliedern zu besitzen.

Artikel „Die Fortschrittliche Volkspartei”, in: Rigaer Neueste Nachrichten, 10.3.1910.

 

Kultur

 

Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muß sie als Einheit sehen.

Rede bei einer Feierstunde zur Einweihung der wieder aufgebauten Rosenauschule in Heilbronn (16. 9. 1950), in: BArch, Nachlass Heuss, N 1221, 4/2.

 

 

Wo eine Stadt zu bauen hat, soll sie den Mut zu unserer Gegenwart besitzen.

„Die Stadt der Zukunft“; Rede zum fünfzigjährigen Bestehen des Deutschen Städtetages, Frankfurt a. M. (11. 6. 1955), in: Baukunst und Werkform, Jg. 1955, H. 8, S. 465.


Mit Politik kann man keine Kultur machen; vielleicht kann man mit Kultur Politik machen.

Rede „Kräfte und Grenzen einer Kulturpolitik “ (17. 5. 1951), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 137.

 

Geschichte

 

…man kann kein Kursbuch der Geschichte schreiben, nach dessen Angaben eine sichere Fahrt in die Zukunft möglich werde.

Artikel „Organische Staatsentwicklung“, in: Tübinger Chronik, 7. April 1928.

 

Wir sind zwischen Gestern und Morgen gestellt. Das alte Deutschland liegt hinter uns – wir wollen es nicht schmähen. Es war die Heimat unserer Väter, das Land der Arbeit, des Fleißes, der Beharrlichkeit. Wir werden auch später aus seinem mancherlei Erbe und seinen Tugenden Kraft ziehen. Aber heute sind die Bänder zerrissen, und wir müssen aus uns den Mut zum Neuen herausstellen. Daß die Vergangenheit, die Truhe der Geschichte, reich ist an Beglückendem und daß nur der innerlich Armselige die Pflicht der Dankbarkeit flieht, das spüren wir; wissen aber auch, wie sie zur Fessel des Werdenden sich wandelt. Das gilt für alle Völker, am meisten vielleicht für uns...

An der Jahreswende 1918/1919, in: Hans-Heinrich Welchert (Hg.): Theodor-Heuss-Lesebuch, Tübingen 1975, S. 84.

 

Gegen die Geschichte zu polemisieren ist ein höchst zweckloses Beginnen; aber die Vergangenheit hat darum noch keinen Anspruch auf Ehrfurcht […].

Theodor Heuss: Die Bundesstaaten und das Reich (Heft 3). In: Wilhelm Seile / Walther Schotte (Hg.): Der Deutsche Volksstaat. Berlin 1918, S. 6.

 
Eine Tradition selber zu schaffen, ist viel schwieriger, aber auch großartiger, als sie in den Resten und Formen verjährter Gesinnung zu suchen und zu pflegen.”

Rede „Soldatentum in unserer Zeit“ (12. 3. 1959), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 294.

 

Kultminister

 

Mich hat noch nie jemand gedemütigt. Man demütigt sich vor Gott, aber wer ein freies Herz hat, demütigt sich nicht vor Menschen!

Heuss’ Antwort auf Warnungen, er würde als Kultminister durch die Besatzungsmacht schikaniert werden. Aus: Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 12.

 

 

Entweder hat man das ‚us‘ aus Sparsamkeitsgründen weggelassen, oder um unsere größere Unabhängigkeit von den US darzutun.

So beantwortete Heuss die Frage, warum es in Württemberg im Unterschied zu anderen Ländern ein „Kultministerium“ und kein „Kultusministerium“ gebe. Aus: Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 12.


Als wir Anfang Januar 1946 die erste der regelmäßigen Konferenzen der Abteilungsleiter hatten, versicherten Sie mir als der Sprecher des Amtes, daß das ganze Ministerium loyal die Richtlinien befolgen werde, die ich ausgeben würde. Ich antwortete damals etwa so: Ich verspreche, Ihnen keine Richtlinien zu geben, aber ich werde versuchen, Atmosphäre zu schaffen.

Brief an Theodor Bäuerle (18. 5. 1952), in: Theodor Heuss: Briefe 1949–1954, hg. u. bearb. v. Ernst Wolfang Becker / Martin Vogt / Wolfram Werner, Berlin/Boston 2012, S. 341.

 

Grundgesetz

 

Denn wenn die Verfassung nicht im Bewußtsein und in der Freude des Volkes selber mit lebendig ist, dann bleibt sie eine Machtgeschichte von Parteikämpfen, die wohl notwendig sind, aber nicht den inneren Sinn miterfüllen.

Antrittsrede auf dem Bonner Marktplatz (12. 9. 1949), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 97.

 

Bundespräsident

 

Macht doch diese saudummen Scheinwerfer aus! Ich habe am Grundgesetz mitgearbeitet und weiß, daß man auch als Bundespräsident ein Recht darauf hat, in Dunkelheit zu schlafen!

Heuss’ Kommentar zu den Scheinwerfern, die ihn im ersten Bundespräsidentendomizil auf der Viktorshöhe in Bad Godesberg vom Schlaf abhielten. Aus: Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 18f.

 

[…] aber mir scheint, daß dieses Amt, in das ich gestellt bin, keine Ellbogenveranstaltung ist, sondern daß es den Sinn hat, über den Kämpfen, die kommen, die nötig sind, die ein Stück des politischen Lebens darstellen, nun als ausgleichende Kraft vorhanden zu sein.

Antrittsrede nach der Wahl zum 1. deutschen Bundespräsidenten, Bonn (12. 9. 1949), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 89.

 

Die Stellung des Bundespräsidenten hat durch das Grundgesetz eine eigentümliche rechtliche Strukturierung erfahren […] Man hat sich dafür gemeinhin des Begriffs des ‚Neutralen‘ bedient, des ‚Überparteilichen‘. Das soll mir recht sein, wenn dem nicht der Anspruch der ‚Meinungslosigkeit‘ beigepackt wird.

Ansprache an die Bundesversammlung (17. 7. 1954), Berlin, in: Theodor. Heuss, Der Mann, das Werk die Zeit, Eine Ausstellung, hg. v. Bernhard Zeller, Stuttgart 1967, S. 366.

 

 

 

Ich pflege meine Entschlüsse aus eigener Entscheidung zu treffen – diese nimmt mir vor der Geschichte und vor meinem Gewissen niemand ab.

Rundfunkansprache „Hüter der Verfassung“ (10. 12. 1952), in: Ralf Dahrendorf / Martin Vogt (Hg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 412.

 

 

Meine Herren, der Bundespräsident geht – der Heuss bleibt hocke!

Mit diesem Ausspruch setzte Heuss bei einem abendlichen Empfang die protokollarische Gepflogenheit außer Kraft, dass niemand vor dem Bundespräsidenten den Raum verlassen darf. Aus: Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 31. 

 

 

Sagen Sie den Herren, Sie hätten anscheinend eine recht naive Vorstellung von der Freiheit eines Bundespräsidenten, ‚nein‘ zu sagen, wenn das Protokoll einmal ein Programm gemacht hat!

Heuss auf die Vermutungen indischer Journalisten, dass er das Programm seiner Indien-Reise (1960) beeinflus-sen könne. Aus: Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 34. 

 

 

Also, Kinder, jetzt lasset doch euren Bundespräsidenten auch amol was schwätze!

Theodor Heuss versucht sich beim Bundespresseball in einer Diskussion mit Carlo Schmid, Thomas Dehler und Josef Eberle (Herausgeber der „Stuttgarter Zeitung“) Gehör zu verschaffen. Aus: Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 37. 

 

 

Sehen Sie, mein lieber G., das ist der Unterschied: Wenn Sie nach Indien fahren, können Sie Dreck schwätzen, wenn ich das aber tue, blamiere ich gleich das ganze deutsche Volk.

Heuss’ Antwort auf die Aussage, dass er doch mit seinem Wissensschatz seine Reden für die Indienreise im November 1960 nicht groß vorbereiten müsse. Aus: Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 118. 

 

 

Ich wünsche mir, daß meine Landsleute bei diesem Abschiedswort, das von dem Dank für viel Liebe begleitet ist, dies spüren, daß ich selber auch nie ,reguliert‘ wurde, sondern nur in dem Wechsel der Sachlagen, der Aufgaben, sei es drinnen, sei es draußen, mir die innere Freiheit nie rauben ließ. Sie ist der köstlichste Besitz, den Gott dem Menschen als Möglichkeit geschenkt hat und den als Aufgabe zu begreifen seine Würde bestimmt.

Abschiedsrede (12. 9. 1959), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 314. 

 

 

Es ist ein Abschied vom Amt, doch kein Abschied aus der in den Formen wohl sich wandelnden, aber in der Substanz lebenden vaterländischen Pflicht. Denn mein ganzes Leben ist, tätig wirkend oder trotzig leidend, mit dem Werden und Wesen der öffentlichen Dinge verbunden gewesen […]

Abschied von der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland (1959), in: Ralf Dahrendorf / Martin Vogt (Hg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 519.

 

NS-Vergangenheit

 

Das deutsche Volk hat es sich leicht gemacht, zu leicht gemacht in seiner Masse, sich in die Fesseln des Nationalsozialismus zu geben. Es darf es sich nicht leicht machten, diese Fesseln, an denen es schlimm trug, von denen es sich nicht selber hatte lösen können, es darf es sich nicht leicht machen, die bösen Dinge wie einen wüsten Traum hinter sich zu werfen.

Rede „In Memoriam“, Stuttgart (25. 11. 1945), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 64.

 

Die geistige Auseinandersetzung mit den Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft muß von Deutschen selber mitgetragen werden, und zwar nicht von Emigranten, sondern gerade auch von solchen, die unmittelbar die Nöte des Lebens gespürt haben.

Betrachtungen zur innenpolitischen Lage (30. 5. 1945), in: Theodor Heuss: Aufzeichnungen 1945-1947, Stutt-gart 1966, S. 83.

 

Der Nationalsozialismus ging mit daran zugrunde, daß ihm der Mut zur Wahrheit fehlte. Dieser muß für die Deutschen wieder zurückgewonnen werden.

Betrachtungen zur innenpolitischen Lage (30. 5. 1945), in: Theodor Heuss: Aufzeichnungen 1945-1947, Stutt-gart 1966, S. 79.

 

 

 

Ich habe es ja als eine meiner Aufgaben betrachtet, den Deutschen zu helfen, aus der Verkrampfung der nationalsozialistischen Zeit herauszukommen, manchmal ist es geglückt, an anderen Stellen nicht.

Brief an Franz Vogel (28. 1. 1955), in: Heuss, Theodor: Hochverehrter Herr Bundespräsident! Der Briefwechsel mit der Bevölkerung 1949-1959, hg. u. bearb. v. Wolfram Werner, Berlin/New York 2010, S. 393.

 

 

Wer hier als Deutscher spricht, muß sich die innere Freiheit zutrauen, die volle Grausamkeit der Verbrechen, die hier von Deutschen begangen wurden, zu erkennen.

Rede „Das Mahnmal“ (1952), in: Ralf Dahrendorf / Martin Vogt (Hg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 407. 

 

 

Wir haben von den Dingen gewußt [...] Unsere Phantasie, die aus der bürgerlichen und christlichen Tradition sich nährte, umfaßte nicht die Quantität dieser kalten und leidvollen Vernichtung.

Rede „Das Mahnmal“ (1952), in: Ralf Dahrendorf / Martin Vogt (Hg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 408. 

 

 

Wenn wir an 1918 denken und die Folgezeit betrachten, dann mag uns eines deutlich sein: zwei Fragen scheiden aus, die damals den Weg der Deutschen begleitet haben. Kaum ist der Krieg vorbei, da beginnt die Frage, wer ist eigentlich schuld daran gewesen, daß der Krieg begann, und die zweite Unterhaltung: wer war schuld daran, daß der Krieg verloren ging. Diese beiden Dinge, Kriegsschuld und Kriegsausgang, haben die folgenden Jahre vergiftet. Heute sind wir bei Beginn des neuen Weges frei [...] Mit kalter Klarheit muß ausgesprochen werden, daß dieser Krieg von Deutschland verursacht und in seiner Führerschicht gewollt worden ist; ohne dieses deutliche Aussprechen verlieren wir die Basis unter uns selber.

Rede „Um Deutschlands Zukunft“ (18. 3. 1946), in: Theodor Heuss: Aufzeichnungen 1945-1947, Stuttgart 1966, S. 185f.

 

Widerstand

 

Jenes Manifest der Geschwister Scholl wird einmal in die Geschichte mit eingehen wie ein Aufruf aus der Zeit der Freiheitskriege. Das Studententum hat damals in diesem heroischen Versuch selber zu seiner alten Aufgabe zurückgefunden.

Rede „In Memoriam“, Stuttgart (25. 11. 1945), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübin-gen 1965, S. 66.

 

 

Die Scham, in die Hitler uns Deutsche gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt. Das Vermächtnis ist noch in Wirksamkeit, die Verpflichtung noch nicht eingelöst.

Rede zum zehnten Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 „Dank und Bekenntnis“, Berlin (19. 7. 1954), in: Ralf Dahrendorf / Martin Vogt (Hg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 439.

 

1945

 

Im Grunde genommen bleibt dieser 8. Mai 1945 die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.

Rede vor dem Parlamentarischen Rat (8. 5. 1949), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 86. 

 

Deutschland und Europa

 

Deutschland braucht Europa, aber Europa braucht auch Deutschland.

Antrittsrede, Bonn (12.9.1949), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 94f.

 

 

Das sind die Dinge, die wir sehen und pflegen müssen: Die Franzosen und die Deutschen haben sich gegenseitig in alten Vergangenheiten viel Leid angetan [...], sie haben sich auch immer, immer beschenkt im geistigen Raum, zart, wechselseitig fruchtbringend, Dichter, Künstler, Forscher, sie waren, les deux enfants de Charlemagne [...], auch immer aufeinander angewiesen.

Rede über Friedrich Naumann und die deutsche Demokratie, Sorbonne in Paris (8. 3. 1960), in: BArch, Nach-lass Heuss, N 1221, 22)


Das Reisen hat den Zweck oder hat ihn wenigstens bekommen, ein Ziel zu erreichen, möglichst schnell. […] Das Wandern aber besitzt seine Sinnerfüllung nicht im Ziel, sondern im Unterwegs-Sein.

Ansprache zur 50-Jahr-Feier des Deutschen Jugendherbergswerkes (3. 5. 1959), in: BArch, Nachlass Heuss, N 1221, 21/5.

 

Militär

 

Nun siegt mal schön!

Ausspruch anlässlich des Besuchs eines Truppenmanövers der Bundeswehr, 13. 9. 1958, zitiert in: Die Welt, 20. 9. 1958.

 

 

[…] heiteres Lachen ist kein Dienstvergehen.

Rede „Soldatentum in unserer Zeit“ (2. 3. 1959), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tü-bingen 1965, S. 301)

 

Gleichberechtigung

 

Eigentlich müßte man anregen, daß alle unverheirateten Männer fortgeschrittenen Alters mit ‚Herrlein‘ angeredet werden. Da wären dann die unverheirateten Frauen, die aus sich und ihrem Leben etwas gemacht haben, bald die Anrede ‚Fräulein‘ los!

Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 124. 

 

Jugend

 

„Schon recht früh nach 1945 habe ich mit jungen Menschen, die in der Hitler-Jugend Gruppenführer gewesen waren, mich unbefangen ausgesprochen, die mir darlegten: Es war auch bei uns vieles nett und gut und manches sehr schön! – Ich konnte nur antworten: Gewiß, weil Ihr selber jung und nett gewesen seid. Aber Ihr seid um das Schönste und Wichtigste beraubt gewesen, nämlich um die freie Entscheidung.“

Rede „Jugend und Staat“ (1950), in: Theodor Heuss: Reden an die Jugend, hg. v. Hans Bott, Tübingen 1956, S. 81.


„Temperament und Leidenschaft sind sehr schöne Eigenschaften, und ich würde meine eigene Jugend verkennen, wenn ich etwas dagegen sagen würde, daß junge Menschen mit Temperament in die politischen Fragen hineinwirken wollen. Aber es ist die Frage des Willens zur eigenen Entscheidung, nicht des Gehorsams irgendwelchen Funktionären einer fremden Lehre gegenüber.“

Ansprache anlässlich des Abschlusses der Woche der Jugend und des internationalen Jugendtreffens in Salzgitter-Lebenstedt (1.4.1951), in: Hans-Heinrich Welchert (Hg.): Theodor-Heuss-Lesebuch, Tübingen 1975, S. 349f.


Denn das, was das Wesentliche des guten Turners, des guten Sportlers ausmacht, ist die Fairness im Kampf und auch das anständige Unterliegenkönnen.

Rede vor der Sportjugend „In der Pflicht zum Guten“ (September 1949), in: Theodor Heuss: Reden an die Ju-gend, hg. v. Hans Bott, Tübingen 1956, S. 14.


Die Jugend wird nicht mehr nur mit Liebe oder mit Strenge betreut, sondern sie ist zu einem Element der Selbstverantwortung aus Selbstentscheidung geworden. Aus Selbstentscheidung! – Das war ja das Gräßliche und Charaktere Zerstörende des Nationalsozialismus, daß er mit Zwang und Norm das Wachstümliche der Freiwilligkeit verdorben hat, verderben wollte.

Rede „Das freie Menschsein“, in: Theodor Heuss: Reden an die Jugend, hg. v. Hans Bott, Tübingen 1956, S. 51.

Schule

 

Jede Schulklasse hat, nach meinen Beobachtungen, ihren sonderlichen Geist; er hängt, im Guten und im Schlimmen, von der Wirkungskraft einiger weniger, vielleicht eines einzelnen ab.

Vorspiele des Lebens, Jugenderinnerungen, Tübingen 1953, S. 93.

 

 

Gestatten Sie mir das kecke Paradox: Ein Finanzrat darf verdrossen sein, aber nicht ein Studienrat! Der eine sitzt über oft unfrohen Akten, der andere steht vor Kinderseelen, die froh sein wollen, um ernst werden zu können.

„Kräfte und Grenzen einer Kulturpolitik“, Rede auf der Tagung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Stuttgart (17.5.1951), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 160.

 

Bürger

 

„Dem vielgeschmähten Wort vom Bürger die Würde wieder zurückzugewinnen. Nicht dem Spießbürger und nicht dem Besitzbürger. Ich glaube nicht an den Untergang des Bürgertums, das die Quelle unserer geistigen Leistungen gewesen ist. Vielmehr glaube ich an die Verbreiterung des Bürgertums in der Arbeiterschaft.“

Theodor Heuss auf die Frage nach dem wichtigsten Ziel seiner Bundespräsidentschaft, in: Die Neue Zeitung, 18. 1. 1950, S. 22f.

„Bürgergefühl, Bürgerrechte – man hat in Weimar bewußt von Grundrechten und Grundpflichten gesprochen. Was wir brauchen, ist in der Auseinandersetzung dieses werdenden Bürgers ein lebendiges Würdegefühl gegenüber seinem Staat.“

Rede „Vom Wort ‚Bürger‘“ vor dem Bund für Bürgerrechte, Paulskirche (8. 9. 1950), in: Hans-Heinrich Welchert (Hg.): Theodor-Heuss-Lesebuch, Tübingen 1975, S. 347.

 

Einwohner wollen, müssen magistratlich, behördlich betreut werden, – Bürger wollen sich selbst betreuen. […] der Einwohner einer Stadt ist eine zählbare statistische Feststellung, – der Bürger eine werthaltige Kraft."

„Die Stadt der Zukunft“; Rede zum fünfzigjährigen Bestehen des Deutschen Städtetages, Frankfurt a. M. (11. 6. 1955), in: Baukunst und Werkform, Jg. 1955, H. 8, S. 465.

Menschlichkeit

 

Der Haß folgt der Trägheit des Herzens; er ist billig und bequem. Die Liebe ist immer ein Wagnis. Aber nur im Wagen wird gewonnen.

Rede „Mut zur Liebe“ vor der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Wiesbaden (7. 12. 1949), in: Theodor Heuss: Die großen Reden. Der Staatsmann, Tübingen 1965, S. 107.

 

 

Der Mensch, die Menschheit ist eine abstrakte Annahme, eine statistische Feststellung, oft nur eine unverbindliche Phrase; aber die Menschlichkeit ist ein individuelles Sich-Verhalten, ein ganz einfaches Sich-Bewähren gegenüber dem anderen, welcher Religion, welcher Rasse, welchen Standes, welchen Berufes er auch sei.

Rede „Das Mahnmal“(1952), in: Ralf Dahrendorf / Martin Vogt (Hg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 411.

 

Tiere & Jagd

 

Es sollte immer mehr zu einer Selbstverständlichkeit werden, daß es eines Menschen unwürdig ist, ein wehrloses Tier zu quälen oder zu misshandeln.

Aus einem Geleitwort für den „Tierschutzkalender 1955“, in: BArch, B 122, 2284/2.

 

 

Jägerei ist eine Nebenform von menschl[icher] Geisteskrankheit, von der ich nie befallen war. Aber: sie ist.

Brief an Toni Stolper (2. 12. 1955), in: Theodor Heuss: Briefe 1954–1959, hg. u. bearb. v. Ernst Wolfgang Becker / Martin Vogt / Wolfram Werner, Berlin/Boston 2013, S. 243.



„Daß einmal das Wort ‚Tierschutz‘ geschaffen werden mußte, ist wohl eine der blamabelsten Angelegenheit der menschlichen Entwicklung – gewiß nicht die einzige!“

Aus einem Grußwort zum Welttierschutztag 1951, in: Tierfreund. Amtliches Organ des Deutschen Tierschutzbundes, September 1951, Nr. 9, S. 3.

Persönliches & Menschliches

 

Ich selber habe die ungetrübte Erinnerung an meine Heilbronner Schulzeit, die ich freilich völlig unsentimental als frisch – fromm – fröhlichen Krieg durchgestanden habe, mit den Zwischenanekdoten, daß ich, ein sogenannter guter Schüler, zwei Mal in den Karzer gesteckt wurde.

An Dr. König (27.3.1950), in: Theodor Heuss: Hochverehrter Herr Bundespräsident! Der Briefwechsel mit der Bevölkerung 1949-1959, hg. u. bearb. v. Wolfram Werner, Berlin/New York 2010, S. 110.


Meine Jugendherkunft ist radikal antimilitaristisch und antibismärckisch, das Sozialistische streifend […]

An Wilhelm Heile (22.5.1947), in: Theodor Heuss: Erzieher zur Demokratie, Briefe 1945–1949, hg. u. bearb. v. Ernst Wolfgang Becker, München 2007, S. 275.


Eigentlich wäre ich gern ein Bohemien gewesen, aber dazu gehörten Liebesgeschichten und Schulden, beides hatte ich nicht.

Vorspiele des Lebens, Jugenderinnerungen, Tübingen 1953, S. 227.


Gott verhüte, daß ich ein ‚ehrgeiziger‘ Vater werde, der seine Liebe nach den Leistungen der Kinder mißt.

Brief an Elly Knapp (23.7.1907), in: Theodor Heuss / Elly Knapp: So bist du mir Heimat geworden. Eine Liebesgeschichte in Briefen aus dem Anfang des Jahrhunderts, hg. v. Hermann Rudolph, Stuttgart 1986, S. 274. 


Wissen Sie, ich bin nur partiell höflich und ich reguliere Taktlosigkeiten nach eigenem Ermessen!

Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 112.


[…] ich habe in meinem Leben Tausende und Tausende von Unterschriften gegeben, aber diese Unterschrift war die allergescheiteste!

Heuss’ Kommentar zu der von Albert Schweitzer ausgestellten Trauurkunde, die 1962 in einer Ausstellung im Stuttgarter Rathaus zur Partnerschaft der Städte Stuttgart und Straßburg gezeigt wurde. Aus: Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 83.

Schwaben

 

„Gelt, Stuttgart gehört doch zu den wunderbarsten Punkten.“

Brief an Elly Knapp, 22. 4. 1906, in: Theodor Heuss / Elly Knapp: So bist Du mir Heimat geworden. Eine Liebesgeschichte in Briefen aus dem Anfang des Jahrhunderts, hg. v. Hermann Rudolph, Stuttgart 1986, S. 37.

 

 

Wein

 

„Dem, der zwischen Rebhügeln aufgewachsen ist, hat das Schicksal ein sonderliches Verhältnis zum Wein geschenkt, das noch in die Jahre zurückreicht, da er den Alten bei ihrem Trinken nur respektvoll zugucken durfte.“

Geleitwort zu „Das Buch vom deutschen Wein“, Deutscher Weinverlag, Mainz 1954, S. 7.

 

Heuss über sein nächtliches Arbeitsverhalten

Ich trinke abends eine Flasche Rotspon und rauche eine, zwei oder drei Zigarren dazu, das bedeutet für mich ‚produktive Behaglichkeit‘!“ 

Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 120.

 

Im allgemeinen brauche ich für eine Rede eine Flasche Wein lang. Für diese Rede habe ich dreieinhalb Flaschen Wein lang gebraucht.

Auf die Nachfrage, wie lange Theodor Heuss an einer Rede über „abstrakte Kunst“ gearbeitet hätte. Aus: Heuss-Anekdoten, gesammelt und erzählt von Hanna Frielinghaus-Heuss, Esslingen 1964, S. 120.