Theodor Heuss

 

Biographische Daten: Bundesrepublik

1949

Wahl zum Bundespräsidenten

Mit der Wahl zum ersten Deutschen Bundestag am 14. August 1949 zieht auch Theodor Heuss für die FDP ins Parlament ein. Nach einer Koalitionsabsprache unter den bürgerlichen Parteien wird er am 12. September 1949 von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt. Damit ist er das erste deutsche Staatsoberhaupt nach Hitler, zugleich aber auch das erste deutsche Staatsoberhaupt genuin bürgerlicher Herkunft. Sein persönliches Amtsverständnis demonstriert er bereits in der Antrittsrede vor der Bundesversammlung:
Mit der Wahl zum ersten Deutschen Bundestag zieht auch Theodor Heuss für die FDP ins Parlament ein. Nach einer Koalitionsabsprache unter den bürgerlichen Parteien wird er von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt. Damit ist er das erste deutsche Staatsoberhaupt nach Hitler, zugleich aber auch das erste deutsche Staatsoberhaupt genuin bürgerlicher Provenienz. Sein persönliches Amtsverständnis demonstriert er bereits in der Antrittsrede vor der Bundesversammlung: Mit der Wahl zum ersten Deutschen Bundestag zieht auch Theodor Heuss für die FDP ins Parlament ein. Nach einer Koalitionsabsprache unter den bürgerlichen Parteien wird er von der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt. Damit ist er das erste deutsche Staatsoberhaupt nach Hitler, zugleich aber auch das erste deutsche Staatsoberhaupt genuin bürgerlicher Provenienz. Sein persönliches Amtsverständnis demonstriert er bereits in der Antrittsrede vor der Bundesversammlung: Die Vereidigung von Theodor Heuss zum Bundespräsidenten am 12. September 1949 (Foto: Familienarchiv Heuss, Basel) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus Die Vereidigung von Theodor Heuss zum Bundespräsidenten am 12. September 1949 (Foto: Familienarchiv Heuss, Basel) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Die Vereidigung von Theodor Heuss zum Bundespräsidenten am 12. September 1949 (Foto: Familienarchiv Heuss, Basel)


„Was ist denn das Amt des Präsidenten der Deutschen Bundesrepublik? Es ist bis jetzt ein Paragraphengespinst gewesen. Es ist von dieser Stunde an ein Amt, das mit einem Menschentum gefüllt ist. Und die Frage ist nun, wie wir, wir alle zusammen, aus diesem Amt etwas wie eine Tradition, etwas wie eine Kraft schaffen, die Maß und Gewicht besitzen und im politischen Kräftespiel sich selbst darstellen kann.”

Der desorientierten deutschen Gesellschaft will er wieder Perspektiven für eine neue demokratische Identität geben:
„Die Legende von dem unpolitischen Volk der Deutschen ist falsch [...]. Und so begreife ich – wenn wir das Zentralistische, Befehlsmäßige ablehnen – die Gliederung, in der wir leben, als die großen Schulungsmöglichkeiten und als die Voraussetzungen zu dem, was ich eine lebendige Demokratie nennen möchte.”

In den Chor des Vergessens und Beschweigens stimmt Heuss freilich nicht ein: „Es ist eine Gnade des Schicksals beim Einzelmenschen, daß er vergessen kann. Wie könnten wir als einzelne leben, wenn all das, was uns an Leid, Enttäuschungen und Trauer im Leben begegnet ist, uns immer gegenwärtig sein würde! Und auch für die Völker ist es eine Gnade, vergessen zu können: Aber meine Sorge ist, daß manche Leute in Deutschland mit dieser Gnade Mißbrauch treiben und zu rasch vergessen wollen. Wir müssen das Spürgefühl behalten, was uns dorthin geführt hat, wo wir heute sind. Das soll kein Wort der Rachegefühle, des Hasses sein. Ich hoffe, daß wir dazu kommen werden, nun aus dieser Verwirrung der Seelen im Volk eine Einheit zu schaffen. Aber wir dürfen es uns nicht so leicht machen, nun das vergessen zu haben, was die Hitlerzeit uns gebracht hat” (in: Ralf Dahrendorf/Martin Vogt [Hg.]: Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 377-379).

1952

19.07.1952 Tod von Elly Heuss-Knapp

Um ihren Mann in seinem Amt als Bundespräsident zu unterstützen, gibt Elly Heuss-Knapp schweren Herzens ihre eigene politische Karriere als Landtagsabgeordnete in Stuttgart auf. Entgegen ihrer Sorge, ob sie aus Alters- und Gesundheitsgründen dem neuen Amt gewachsen ist, werden sie und ihre Arbeit schon früh geschätzt. In den wenigen Jahren bis zu ihrem Tod 1952 prägt sie Aufgaben und Auftreten einer deutschen „Landesmutter”.
Theodor Heuss spendet seiner Frau für das Müttergenesungswerk. (Foto: Bundesarchiv) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus
Elly Heuss-Knapps Hauptleistung, die Gründung des Deutschen Müttergenesungswerks, knüpft an ihre langjährige soziale und politische Arbeit vor 1933 an, antwortet aber auch auf ein drängendes Problem der Zeit: die Überbeanspruchung der Mütter. Während viele Männer gefallen, noch vermisst oder in Kriegsgefangenschaft sind, lastet auf den Müttern die Sorge um Wohnung, Nahrung und Kleidung für ihre Kinder; außerdem leisten sie als „Trümmer-Frauen” oft harte Wiederaufbauarbeit. Elly Heuss-Knapp gründet das Deutsche Müttergenesungswerk 1950 als Vereinigung bereits existierender Müttererholungswerke.

Theodor Heuss spendet seiner Frau für das Müttergenesungswerk. (Foto: Bundesarchiv)


Ausgeglichene und gesunde Mütter sind für sie die Basis zufriedener Familien; erst auf diesen wiederum kann sich ihrer Ansicht nach ein stabiles Staatswesen aufbauen. Daher finanzieren Spendengelder, gesammelt am Muttertag, Kuraufenthalte für kranke und erschöpfte Mütter. Beim Einsatz für diese wenig einflussreiche Bevölkerungsgruppe nutzt Elly Heuss-Knapp wirksam die Popularität ihres Mannes.

Mit Elly Heuss-Knapps Tod am 19. Juli 1952 endet eine liebevolle und partnerschaftliche Ehe. Als eine selbstverständliche Verpflichtung übernimmt Theodor Heuss nach dem Tod seiner Frau die Schirmherrschaft für das Müttergenesungswerk, um dessen Fortbestand zu sichern. Seither ist die Frau des jeweils amtierenden Bundespräsidenten Schirmherrin der Institution, die Elly Heuss-Knapp als Krönung ihres Lebens empfand.

1952

30.11.1952 Gedenkrede im ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Die Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft und der deutschen Verantwortung für den Genozid bleibt eine Konstante in den Reden von Theodor Heuss. Provozierend muss 1952 in dem allgemeinen Klima des Beschweigens sein Diktum anlässlich der Einweihung des Mahnmals im ehemaligen KZ Bergen-Belsen wirken, dass jeder Deutsche von den NS-Verbrechen an den Juden in irgendeiner Weise gewusst habe.
Den Vorwurf der Kollektivschuld lehnt Heuss hingegen wiederholt ab, vielmehr betont er die „Kollektivscham”, in die jeder Deutsche nach 1945 eingetreten sei. Dem Zeitgeist der fünfziger Jahre entspricht der hohe moralische Stil seiner Reden über die jüngste Vergangenheit, außerdem die Art und Weise, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft zu dämonisieren und einer kleinen Machtclique zuzuschreiben, die die Masse der Deutschen terrorisiert hätte.

Schallplatte „Das Mahnmal” mit der Rede von Theodor Heuss zur Einweihung eines Gedenksteines im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen am 30. November 1952 (Original, SBTH) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Schallplatte „Das Mahnmal” mit der Rede von Theodor Heuss zur Einweihung eines Gedenksteines im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen am 30. November 1952 (Original, SBTH)

1954

Wiederwahl zum Bundespräsidenten

Theodor Heuss' Wiederwahl zum Bundespräsidenten am 17. Juli 1954 ist ein Ausdruck breiter Zustimmung zu seiner Amtsführung, stimmen doch auch die Sozialdemokraten schon im ersten Wahlgang für ihn.

Sitzung der Bundesversammlung 1954 in Berlin, bei der Theodor Heuss mit großer Mehrheit im ersten Wahlgang als Bundespräsident wieder gewählt wird (Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)

Sitzung der Bundesversammlung 1954 in Berlin, bei der Theodor Heuss mit großer Mehrheit im ersten Wahlgang als Bundespräsident wieder gewählt wird (Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)


Aufgrund des Inkrafttretens der Pariser Verträge erlangt die Bundesrepublik 1955 ihre Souveränität und Heuss damit die Möglichkeit, sein Land auf Staatsbesuchen im Ausland zu vertreten. Durch sein stilsicheres und unprätentiöses Auftreten vermag er der noch jungen Bundesrepublik in den jeweiligen Gastländern zu Vertrauen und Ansehen zu verhelfen, 1956 in Griechenland, 1957 in der Türkei und in Italien sowie 1958 in den USA, in Kanada und England.

1959

Ende der 2. Amtszeit und Umzug nach Stuttgart

Am 12. September 1959 endet Theodor Heuss' zweite Amtszeit, nachdem er eine Grundgesetzänderung zugunsten einer dritten Amtsperiode abgelehnt hat. Er zieht in seinen Alterswohnsitz nach Stuttgart in den Feuerbacher Weg 46, dem heutigen Theodor-Heuss-Haus. Trotz einer geringen politischen Machtausstattung und einer über den Parteien stehenden Repräsentationsstellung ist Heuss durchaus kein unpolitischer Präsident gewesen. Exekutive Befugnisse in Konkurrenz zum Bundeskanzler strebt er zwar prinzipiell nicht an. In den Grundzügen stimmt er mit Adenauers innen- und außenpolitischem Kurs überein.Nach der Beendigung der Amtszeit als Bundespräsident nimmt Theodor Heuss Abschied von Bonn und zieht nach Stuttgart um. (Foto: Georg Munker, Bundesarchiv) Stuttgart Stiftung Theodor-Heuss-Haus

Nach der Beendigung der Amtszeit als Bundespräsident nimmt Theodor Heuss Abschied von Bonn und zieht nach Stuttgart um. (Foto: Georg Munker, Bundesarchiv)


Dennoch wirkt Heuss politisch, wenn er für die Förderung einer freien Wissenschaft und Kunst und für die Erinnerung an den Nationalsozialismus eintritt. Seine unprätentiöse Persönlichkeit, die auf einen reichhaltigen historischen Erfahrungsschatz sowie einen außergewöhnlichen Bildungsfundus zurückgreifen kann, kennt keine Berührungsängste mit der Bevölkerung, sondern kommt deren Bedürfnis nach Sinnstiftung entgegen. Vor allem wirkt Heuss durch seine stets selbst ausgearbeiteten und öffentlichen Reden, mit denen er breite Bevölkerungsschichten für die Demokratie gewinnen will – so noch in seiner Abschiedsrede an die deutsche Bevölkerung: „Mir kam es darauf an und kommt es ausschließlich darauf an, die rechtliche Kontinuität des staatlichen Seins unabhängig von jeglichem persönlichen Aspekt zu sichern. Es ist nicht das Ruhe-, das Ausruhebedürfnis eines alten Mannes, der ganz unbefangen sich selber als Zeugnis ausstellt, ein fleißiger Mann gewesen zu sein, es ist auch nicht die Flucht aus der Verantwortung, der ich mich im Rahmen meiner rechtlich eingeschränkten Möglichkeiten nie entzogen habe, sehen Sie bitte in dem Wechsel des Bundespräsidenten einen auch für den einzelnen Bürger erzieherischen Vorgang. [...] Demokratie ist Herrschaftsauftrag auf Frist” (in: Ralf Dahrendorf/Martin Vogt [Hg.]: Theodor Heuss. Politiker und Publizist, Tübingen 1984, S. 514). Die Amtsführung von Heuss hat das präsidiale Selbstverständnis seiner Nachfolger geprägt.

1960

Reisen nach Frankreich, Israel und Indien

Heuss bleibt im Blickfeld des öffentlichen Interesses. Häufig wird er als Festredner eingeladen oder als Schriftsteller und Politiker geehrt. 1960 reist er in halboffizieller Funktion nach Frankreich, Israel und Indien, wo er mit hohen Ehren empfangen wird. Insbesondere sein Besuch in Israel trägt dazu bei, die noch immer vorhandenen Spannungen zwischen Israel und der Bundesrepublik zu entschärfen.

1963

12.12.1963 Tod von Theodor Heuss

Trotz seiner fortwährenden politischen Aufgaben findet Heuss als Altbundespräsident mehr Zeit für seine Familie, zu der seit 1961 ein zweites Enkelkind, Ludwig Theodor, gehört. Und auch seiner schriftstellerischen Arbeit kann er sich wieder stärker widmen, so dass er seine Erinnerungen bis in das Jahr 1933 fortsetzt. Da sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert, schreitet diese Arbeit ab 1962 jedoch nur noch langsam voran; die Fortsetzung seiner Memoiren in die Zeit des Nationalsozialismus hinein bleibt Fragment.

Nach langer Krankheit und der Amputation seines linken Beines stirbt Theodor Heuss am 12. Dezember 1963 in seinem Haus in Stuttgart und wird unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit auf dem Waldfriedhof neben seiner Frau Elly Heuss-Knapp am 17. Dezember beigesetzt. Die auf ihn verfassten Nachrufe zeugen von dem breiten geistigen Horizont des Verstorbenen: Nicht nur Politiker, auch Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle betonten ihre persönliche und ideelle Verbundenheit mit dem ersten Bundespräsidenten.